Berichte von unseren Aktivitäten

 

 

Datum Location Gegner oder Anlass
22.04.2006 Gottlieb-Daimler-Stadion VfB Stuttgart
08.04.2006 Schüco-Arena Arminia Bielefeld
25.03.2006 RheinEnergieArena 1.FC Köln
12.03.2006 Veltins-Arena FC Schalke 04
25.02.2006 Allianz-Arena FC Bayern München
16.10.2005 MSV-Arena MSV Duisburg
15.04.2005 Stadion der Freundschaft FC Energie Cottbus
03.04.2005 Wersestadion LR Ahlen
30.01.2005 Wildparkstadion Karlsruher SC
14.11.2004 Mosel-Stadion Eintracht Trier
22.05.2004 AOL-Arena Hamburger SV
17.04.2004 Gottlieb-Daimler-Stadion VfB Stuttgart
20.03.2004 Westfalenstadion Borussia Dortmund
06.03.2004 Fritz-Walter-Stadion 1.FC Kaiserslautern
08.12.2003 Gasthaus zum Schwanen (im Saustall) Weihnachtsfeier
     
   
   

Orschel Eagle’s Tales from the Road

22.4.2006 – VfB Stuttgart – Eintracht Frankfurt 0:2 (0:0)

„Das Gesetz der Serie“ oder „Des muss unbedingt in de Bericht!“


Habt ihr schon einmal versucht, Berichte über Auswärtsfahrten zu schreiben? Das ist gar nicht so einfach wie man vielleicht glauben mag. Da gibt es einiges zu beachten, und man ist auf so viele Dinge angewiesen. Die Mitfahrer müssen Stoff liefern. Du musst es dir merken. Du musst die richtigen Worte finden und die Balance halten zwischen wahrheitsgemäßer Schilderung und „in die Pfanne hauen“. Und selbst wenn du das alles beachtet hast (oder glaubst, es stets beachtet zu haben), wird früher oder später der Moment kommen, an dem irgendetwas mit unvorstellbarer Boshaftigkeit und nicht nachvollziehbarer Schadenfreude gegen dich verwendet werden wird. Wovon ich rede? Na, zum Beispiel von der erschreckenden und nachgerade infamen Feststellung und Forderung unseres großen Vorsitzenden kurz nach der Autobahnausfahrt Stuttgart Zentrum, als der Schreiber dieser Zeilen bei einem höchst selbstlosen Einsatz zum Wohle der durstigen Mitfahrer mit den Widrigkeiten des Stuttgarter Stadtverkehrs zu kämpfen hatte. Doch der Reihe nach.

Es ist zwanzig nach zehn am Samstagvormittag, als sich ein wackeres Häuflein von vier EFClern und einer EFClerin am Orscheler Bahnhof eingefunden hat, um zusammen mit der Rühl´schen Stammtisch-Besatzung Kurs auf die schwäbische Metropole zu nehmen. Zwar liegt ein Hauch von „heute könnte was gehen“ in der Luft, doch an einen Erfolg im Spätzleland wagt niemand ernsthaft zu glauben. Immerhin: Snjezana ist samt Kamera wieder dabei, und ich bin mir noch immer nicht ganz sicher, ob ich ihr Fehlen in Bielefeld vom fotodokumentarischen Standpunkt aus gesehen mit dem Prädikat „Glück gehabt“ oder doch eher „eigentlich schade“ belegen soll.

Wie auch immer. Der Lossa-Bus kommt, und der erste Eindruck ist ein sehr überraschender: Das Fahrzeug ist fast ganz leer. Na gut, wir werden dann wohl noch in Frankfurt Mitfahrer aufnehmen. Aber falsch gedacht: Mit etwa fünfundzwanzig Personen an Bord biegt der 49er Bus bei Bockenheim auf die A 66. Also, das nenne ich Komfort! Und wir machen es uns auch sofort so richtig bequem. Ganz in der Nähe des Kühlschranks. Wir sind ja schließlich wir.

Bis zum Kreuz Walldorf ist die Fahrt überwiegend geprägt von Fachsimpeleien beim morgendliche Bier (0,33er Bitburger, ein Euro die Flasche. Naja!) und Waldemars harscher und wirklich (noch) nicht angebrachter Alkohol-Kritik („Ihr guckt schon so glasig!“). Auf einem Rastplatz wird eine Pause eingelegt, von der zwei Eindrücke von bleibendem Wert sind: Zum einen der teilweise Striptease eines Mitfahrers unter dem Motto ...

Zum anderen der PKW mit dem OF-Kennzeichen, der doch tatsächlich auf einem LKW-/Bus-Parkplatz abgestellt worden ist:

Manche Klischees sind doch immer noch meilenweit von der Realität entfernt. Wir nutzen die Pause, um für nächste Woche organisatorisch tätig zu werden: Mit dem Fahrer des Busses (der uns auch nach Berlin bringen wird) werden Einzelheiten über die Getränkeverladung besprochen. Vor lauter organisieren setzt bei Thommy der Überblick aus. Er will unmittelbar vor Abfahrt eine Pfandflasche im Müll entsorgen, was Waldemar ein richtig schön fieses „Das ist vielleicht eine Hohldüse!“ wert ist.

Als auf der Weiterfahrt das Technikmuseum Sinsheim in Sicht kommt, werden die Gespräche interessanter. Thommy erzählt von einem Besuch dort mit seinen Kindern. Waldemar fällt ihm entsetzt ins Wort: „Ach du Scheiße, du hast Kinder???“ Er selbst hat sich bierbezüglich wieder einmal Zurückhaltung auferlegt, was allerdings ebenso wieder einmal nur bedingt einzuhalten war. Auch auf seine inzwischen obligatorische bissige Bemerkung unsere Trinkgewohnheiten betreffend müssen wir jetzt nicht mehr lange warten. Die Feststellung, wir hätten doch erst vier Flaschen Bier getrunken, kontert er eiskalt: „Vier Flaschen oder zehn – scheißegal: Ihr seid besoffen!“ Erstaunlich nur, dass jetzt er selbst ins bierselige Plaudern gerät. Thema ist sein Auswärtsbesuch in Leverkusen im vergangenen Januar, und insbesondere die angenehmen Temperaturen im dortigen Stadion. Äh, Grauer Wolf, jeder weiß doch, dass bei denen unter dem Tribünendach Heizstrahler hängen. Thommy hat offensichtlich dem Vortrag nicht die gewünschte Aufmerksamkeit gewidmet und bekommt dafür von Waldemar ein vernichtendes Urteil ausgestellt: „Der iss ja voll schon!“

Ab Heilbronn beginnen wir, unseren Absprung in Stuttgart zu planen. Schließlich wollen wir ja vor dem Spiel noch aufs Frühlingsfest. Hierbei spielt sich ein erschreckender Dialog zwischen mit und einem unserer EFCler (dessen Name selbstverständlich ungenannt bleibt, weil ihm sonst Gefahr für Leib und Leben drohen könnte) ab. Ich stelle Überlegungen an, ob wir eventuell die Eintracht-Fahne aus dem Heckfenster abhängen sollten, um problemloser nahe an die Cannstatter Wasen heran zu kommen. Die Antwort schockiert mich nicht wenig: „Hast´n Feuerzeug?“ Ich glaub, ich bin in der Augsburger Puppenkiste! Meine Empörung ob eines solchen Vorschlags stößt auf weiteres Unverständnis: „Was hast du gegen ein Freudenfeuer?“ Ich kann nicht mehr: „Mensch halt bloß die Klappe! Du redest dich immer mehr in die Scheiße rein!“ Wir stoßen an, genehmigen uns einen guten Schluck, und damit ist Ruhe.

Währenddessen versucht Thommy, Waldemar die Sitzordnung für Berlin klar zu machen: „Also, du sitzt neben deinem Sohn.“ Der Graue Wolf stöhnt laut vernehmlich auf, fast als wollte er sagen „... und das hätte so ein schöner Finaltag werden können“. Dann schiebt er schnell noch einen Satz zu seinem derzeitigen Lieblingsthema (nein, ausnahmsweise mal nicht die Galaxy) nach: „Auf der Rückfahrt trinken wir aber nicht mehr so viel!“

Das Tödlichste für einen Getränkeboten in einem Reisebus ist der Stadtverkehr. Für mich gibt es wohl keine Stuttgartfahrt ohne schwerwiegenden Fehler. Ich erkläre mich bereit, dieses Wagnis einzugehen. Voll bepackt mit Flaschen taste ich mich den Mittelgang nach hinten voran, als mich ein plötzliches Bremsen, gefolgt von einem nicht weniger überraschenden Wiederanfahren zuerst nach links, dann nach rechts wanken lässt. Thommy sieht sich zu übelster Schadenfreude veranlasst: „De Orschel Eagle stolpert dörsch de Bus! Des muss aber mit in de Bericht!“ Forderung hiermit pflichtgemäß erfüllt! Und das nächste Mal gehst Du Bier holen, Chef!

Direkt an der Cannstatter Wasen nutzen wir die Gunst der Stunde und lassen uns ganz schnell die Türe öffnen, um abzuspringen. Warum wir die einzigen aus dem Bus sind, die aufs Frühlingsfest wollen, bleibt mir ein Rätsel. Okay: Die Bierpreise sind unverschämt. Aber das Drumherum ist schon toll. Das Wetter ist auch herrlich, und wir marschieren zielstrebig auf das große Festzelt zu. Wenig später stehen wieder einmal einige Maßkrüge und ein halber Liter Cola vor uns auf dem Tisch. Und diesmal ist die Cola nicht die meine! Die Atmosphäre ist absolut friedlich. Frankfurter und Stuttgarter sitzen bunt gemischt (wenn sie nicht gerade auf Bänken oder Tischen stehen) und jubeln „Anton aus Tirol“ (so der Name des Acts auf der Bühne) zu. Nein, Leute, auch wenn ihr mir das noch hundertmal erzählen wollt: Das war NICHT DJ ÖTZI!

Auf dem Rückweg von der Toilette komme ich mit einigen Stuttgartern ins Gespräch. Wir sind uns einig, dass Armin Veh ein guter Trainer für die Schwaben ist. Und diesen VfB-Fans ist der Ausgang des heutigen Spiels überraschender Weise ziemlich egal: „Die Saison haben wir eh schon versaut.“ Thommy, Jörg und Waldemar gesellen sich dazu, und es vollzieht sich eine Art hessisch-schwäbischer Verbrüderung. Zurück am Tisch stehen schon (unbestellt) neue Masskrüge da, die wir aber leider zurück gehen lassen müssen. Schließlich ist bald Anpfiff. Gemeinsam mit unseren neuen Stuttgarter Freunden verlassen wir das Zelt, und marschieren gemeinsam unter von ihnen angestimmten Gesängen „Eintracht und der VfB“ über die Cannstatter Wasen Richtung Daimler Stadion. Sehr schön, mal wieder auf gegnerische Fans getroffen zu sein, bei denen gegenseitiger Respekt vorhanden war! Danke, Ihr Schwaben! J

Kurz nachdem wir Richtung Untertürkheimer Kurve abbiegen müssen, stoßen wir an einem Stand auf Ronnie, Stefan, Richard und Co. Ein weiteres Bierchen – erfreulicherweise nicht kastriert – rundet das „Vorspiel“ ab. Und schon geht es in die Kurve. Das Gottlieb-Daimler-Stadion ist neben Berlin ja das letzte Großstadion Deutschlands mit einer Leichtathletik-Laufbahn. Entsprechend ungewohnt ist der Abstand der Ränge zum Spielfeld. Zum Glück ist der Gästeblock nicht mehr genau hinter dem Tor, sondern auf Höhe der Eckfahne. Trotzdem bin ich mit unseren Plätzen (der ganze Block steht natürlich) nicht zufrieden und beginne Mitte der ersten Halbzeit, nach besseren Plätzen Ausschau zu halten. Fündig werde ich nach etwa einer halben Stunde Spielzeit fast ganz oben unter dem Dach. Dort treffe ich auf Texas und beschließe, von hier aus den Rest der ersten Hälfte anzusehen. Im Spiel ist inzwischen exakt so viel passiert, wie ich bisher geschildert habe: nichts. Unsere Abwehr steht gut, aber nach vorne haben wir auch nur ein, zwei gelungene Aktionen, die Amanatidis jedoch nicht nutzen kann.

Pause. Ich beschließe, den Rest von uns hoch zu holen. Auf dem Weg nach unten kommt mir Thommy entgegen. Ich nehme ihn mit zu Texas. Als das Spiel wieder läuft, starte ich noch einen Anlauf, um den Rest zu holen. Ich bin gerade auf dem halben Weg nach unten, als Lexa eine prima Flanke in den Strafraum schlägt und Alex Meier den Ball über die Linie drückt. Treppensteigen, Freudensprünge, Umarmungen wildfremder Leute sind eins. Inzwischen bin ich (wie, weiß nur Gott) angekommen, kann aber niemanden mehr bewegen, mit nach oben zu kommen. Also mache ich mich wieder auf den Weg zurück. Und als ich noch immer in der unteren Reihe unterwegs bin und einen Blick Richtung Spielfeld werfe, sehe ich, wie Schiedsrichter Stark mit ausgestrecktem Arm zur Torauslinie läuft. Elfmeter! Elfmeter für uns! Ich suche mir hastig einen Platz mit Überblick, und als Amanatidis die Kugel im Netz versenkt, explodiert es um mich herum. Menschen fallen übereinander. Die Orientierung ist komplett verloren. Keine Ahnung, ob ich auf einer Treppenstufe stehe oder doch irgendwo auf einem Sitz. Vermutlich habe ich in den letzten dreißig Sekunden ebenso oft den Standort gewechselt. Ich bin fertig mit den Nerven. Ich brauch eine Auszeit.

Ich wanke die Treppe aus dem Block heraus nach unten und sinke an deren Fuß erst mal auf den Boden. Handy raus. Ein Anruf bei den Daheimgebliebenen: Der Elfmeter war laut Radio absolut berechtigt. Ich weiß noch nicht, ob ich noch mal reingehen werde. Vom Bierstand aus winkt mir Ronnie zu. Ich werde erst mal dort rüber gehen. Zu dritt plaudern wir uns mehr oder weniger entspannt über die Runden. Der Geräuschkulisse nach scheint drinnen nicht viel los zu sein. Trotzdem wäre mir wohler, wenn Stark bald abpfeifen würde. Um viertel nach fünf gehe ich wieder in den Block. Noch läuft das Spiel. Aber nur noch wenige Sekunden. Da! Der Schlusspfiff! Auswärtssieg! Im Riesenjubel treffe ich auf Uli. Thommy kommt dazu. Wir feiern noch eine ganze Weile diesen unerwarteten Sieg.

Obwohl: unerwartet? Oder eher dem Gesetz der Serie nach einfach logisch? Erinnern wir uns: Saison 1993/94. Die Eintracht siegt 2:0 im Schwabenland. Sechs Jahre später, Saison 1999/2000. Die Eintracht siegt 2:0 im Schwabenland. Wiederum sechs Jahre später, Saison 2005/2006. Die Eintracht siegt 2:0 im Schwabenland. Also, ich weiß nicht wie ihr das seht. Aber ich werde in der Saison 2011/2012 definitiv zum Auswärtsspiel nach Stuttgart fahren...

Der Weg zum Bus wird zum Triumphmarsch. Dass die Konkurrenz ausnahmslos mitgewonnen hat, wird zur Kenntnis genommen, doch interessieren tut es keinen so richtig. WIR haben jetzt die Konstellation, die wir uns alle so sehr gewünscht haben: Mit einem Sieg über Lautern in zehn Tagen ist der Klassenerhalt definitiv geschafft! Und das schon zwei Tage vor Ende der Saison. Und selbst bei einem Unentschieden gegen die Pfälzer würden uns zwei weitere Remis in Dortmund und gegen Gladbach definitiv genügen, da die Kartoffelbauern dann höchstens noch nach Punkten Gleichziehen könnte und gegen Bayern und in Wolfsburg bei zwei zwingend notwendigen Siegen obendrein siebzehn (!!!) Tore auf uns gutmachen müsste! Auch wenn es theoretisch noch nicht endgültig unter Dach und Fach ist: Aber das heute war der entscheidende Schritt zum Klassenerhalt.

Auch auf der Rückfahrt durch Stuttgart zur Autobahn gibt es mehrfach von Stuttgarter Fans in den Autos anerkennende Gesten in unsere Richtung. Überhaupt ist diese Rückfahrt eine ganz Seltsame. Es passiert nämlich vorläufig rein gar nichts. Keine Gesänge, keine Sprüche. Schonen wir uns etwa schon für Berlin? Endlich steuern wir eine Raststätte an. Thommy und Jörg gehen Getränkenachschub holen (natürlich ist im Bus wieder einmal nichts mehr da). Beim Versuch, die Dose zu öffnen, wird Jörg offenbar so hektisch, dass er den Ring abreißt. Schlimme Situation: Durst, Bier inner Hand, aber Jörg kommt nicht ran. Aber Thommy als geübter Vater weiß was zu tun ist. Erst mal gibt er dem Kleinen – äh, ich meine natürlich Jörg seine Dose, dann marschiert er zurück in den Shop und tauscht die unbrauchbar gewordene um. Jeder ist zufrieden, und wir können einmal mehr auf den glorreichen Auswärtsdreier prosten.

Doch Dosen halten nicht lange vor, so dass ich irgendwann beschließe, die Sektreserven im Bus auszutesten. Snjezana stellt sich als Spenderin zur Verfügung. Aber irgendwie hat keiner Lust, auf diesen außergewöhnlichen Erfolg stilvoll anzustoßen. So bleiben zwei Piccolo ganz allein an mir hängen. Nun bin ich aber auch nicht so der große Sekt-Fan. Und schon bald verfluche ich wiederholt den Erfinder der Kohlensäure.

Der Abend ist noch jung, als wir wieder in Orschel eintreffen. Aber wir beschließen trotzdem, diesmal nichts mehr zu unternehmen. Schließlich haben wir nächste Woche eine ganze Menge vor...

Abschließend bleibt mir nur einmal mehr danke zu sagen. Zuerst an die Organisatoren vom Eintracht-Stammtisch im Weißkirchener Rühl für die äußerst bequemen und gemütlichen Umstände der beinahe (Bier!) perfekten Tour. Unserem Busfahrer, dessen Name mir leider entfallen ist, und der uns nächsten Samstag gleich wieder erleben darf, für eine sichere Ablieferung seiner kostbaren Fracht sowohl in Stuttgart als auch wieder daheim in Orschel. Und nicht zuletzt wieder allen, die – in welcher Form auch immer dabei waren.

WIR SEHEN UNS IN BERLIN!!!

Orschel Eagle’s Tales from the Road

8.4.2006 – Arminia Bielefeld – Eintracht Frankfurt 1:0 (0:0)

„Die Wahrheit über Zettel-Ewald“ oder „Des kommt aber net in de Bericht!“


Ich bekenne mich schuldig! Ja, ich habe es getan! Und wer auch immer zuerst darauf gekommen ist: Er hat vollkommen recht. Diesmal zumindest. Natürlich war es nicht das erste Mal. Aber man wird ja auch älter. Und da spielt so manches halt auch nicht mehr so ganz mit. Und dann waren da ja auch noch diese drei Fässchen. Und überhaupt: Ihr seid ja alle selbst dran schuld... --- Was mache ich mir eigentlich vor? Ja, ich habe es getan. Ohne wenn und aber. Ich habe Euch schamlos belauscht und beobachtet. Und ich habe Notizen gemacht. Jetzt soll aber keiner sagen, er hätte das nicht gewusst! Vor allem Du nicht, Topo! Und Du auch nicht, Grauer Wolf! Nennt mich von mir aus weiter Zettel-Ewald. Damit habe ich kein Problem. Im Gegensatz zum Original kann ich nämlich nicht gefeuert werden...

Samstag, 7.15, Bahnhof Orschel: Die Gestalten, die sich in schwarz, weiß und rot begrüßen, sind mehr oder weniger (eher weniger als mehr) ausgeschlafen und bereit, eine weitere Schwachsinnstour im Zeichen des Adlers anzutreten. Topo, unser Experte für´s Äppler-Hüpfen, der sich eigentlich mit dem korrekten Umgang mit kohlensäurehaltigen Alkoholika auskennen sollte, stellt schwungvoll und mit lautem Krachen das erste von drei Fünfliterfässchen ab. Sofort steht fest: Dieses wird das letzte sein, welches wir unterwegs öffnen werden. Erst recht als wir sehen, was der Gute uns da zumuten will: Das Gebräu heißt „Braustolz“, kommt in schmutzig-grünem Fässchen daher, und vom ersten Anblick ist klar: Das issen Ost-Bier. Durch den Adressaufdruck (Chemnitz) scheint noch der alte Text durchzuschimmern: VEB Arbeiter-und-Bauern-Plörre Karl-Marx-Stadt. Also, auch ich bin ja grundsätzlich dem Aufbau Ost gegenüber nicht abgeneigt. Im Gegenteil: Blühende Landschaften können wir alle in diesen Zeiten gut gebrauchen. Aber, Topo: Nicht auf Kosten des guten Geschmacks! So, und jetzt ab mit Dir in die Ecke zum Schämen!

Thommy erwartet uns wie üblich in der S-Bahn. Er hat die „Vorspeise“ dabei: Zwei Sixpacks. Frühstück in der S-Bahn. Stimmung: bestens. Und dann Fahrkartenkontrolle. Jeder hält dem Kontrolleur irgendetwas entgegen, was auch nur im entferntesten einem Fahrschein ähnelt. Und der Kontrolleur hat nichts zu beanstanden. Weder das falsche Datum, noch sonst irgendetwas. Er geht locker über alles hinweg. So was gibt´s auch beim RMV? Topo, wenn das keine E-Mail wert ist!

Am Hauptbahnhof die nächste Überraschung: Der Sonderzug nach Bielefeld steht schon bereit. Thommy bedauert etwas, dass uns diesmal der Anblick eines Getränkelagers auf dem Bahnsteig (wie letztes Jahr vor der Cottbus-Fahrt) erspart bleibt. Drinnen machen wir es uns auf zwei Viererabteilen links und rechts vom Gang gemütlich und beobachten interessiert die vorüberziehenden Mitfahrer. Alle bekannten Gesichter sind dabei. Auch Adi Adelmann. Und los geht´s. Noch bevor wir das Frankfurter Stadtgebiet verlassen haben, sind Thommys Sixpacks aufgebraucht. Ich hole das erste Fässchen raus, und weil sich sonst niemand traut, öffne ich es auch gleich. Okay, das klingt jetzt gekonnter als es war. Aber Ihr Waschlappen hattet ja alle Angst Euch einzusauen. ;-) Es geht doch nichts über frisch gezapftes Fassbier! Ewig schade, dass das für Busfahrten nicht in Frage kommt! Wir nehmen ja Rücksicht.

Das Schöne an Sonderzugfahrten ist ja, dass man eine ganze Menge von Deutschland zu sehen bekommt. Das war bei Cottbus so. Und das ist heute nicht anders. Bielefeld liegt ziemlich exakt nördlich von Frankfurt. Einen direkten Weg dorthin gibt es natürlich nicht (ist ja schließlich Bielefeld). Aber die Route, die unser Zug nimmt ist schon abenteuerlich: Von Frankfurt geht es zunächst mal geradewegs nach Westen. Erste größere Stadt auf diesem Weg? Genau: Mainz. Von weitem ist die Bruchbude auszumachen. Aus dem Zug hallen die üblichen Gesänge und Rufe durch die Vorortstraßen dieser Stadt des Frohsinns (oder Irrsinns – kommt auf die individuelle Sichtweise an): „Hurra, Hurra, die Frankfurter sind da!“ Und schon sind sie auch wieder weg. Als am anderen Rheinufer Rüdesheim und das Niederwalddenkmal in Sicht kommen, steht endgültig fest, dass ein guter Teil dieser Tour einen kulturellen Touch haben wird. Wir durchqueren das Rheintal stilecht mit zünftiger Brotzeit. Felix hat mal wieder Flaaschworscht und Brötchen spendiert (allerbesten Dank dafür!). Vorbei an Bacharach (Michi: „Hier wohnen meine Cousinen“) und der Loreley nähern wir uns Koblenz. Und irgendwie bringt mich das auf einen höchst unterhaltsamen Gedanken: Wenn der TuS Koblenz, derzeit Tabellenzweiter der Regionalliga Süd, den Hoffenheimern den zweiten Aufstiegsplatz in die 2. Bundesliga wegschnappt, Multimillionär Hopp in die Röhre schauen lässt und vielleicht gar das ganze Projekt „Heidelberg in die Bundesliga“ bereits im Ansatz scheitern lässt... Ach, das wäre zu schön! Noch einen traditionsfreien Retortenklub à la Leverkusen und Wolfsburg braucht in diesem Land wirklich kein Mensch!

Topo fordert für zehn Uhr einen offiziellen Frühschoppen. Um 9.55 beschließt der Vorstand einstimmig, dass es jetzt zehn Uhr ist, und ich beginne mit dem Ausschank. Waldemar ist der Meinung, mit unserem Beschluss hätten wir unsere Kompetenzen überschritten. Außerdem muss er von uns allen reichlich Sticheleien wegen seiner Lederhose aushalten („Zieht dem Waldi die Lederhose aus, Lederhose aus, Lederhose aus!“). Und so fordert er schließlich die Einrichtung eines Petitionsausschusses (nachdem er durch gezieltes Nachfragen festgestellt hat, dass niemand aus unseren Reihen der Petitionsausschuss ist). Die Stimmung ist nach wie vor bestens. Jede Öffnung eines neuen Fässchens wird zur Schaumparty. Bis im Becher das Bier zum Vorschein kommt, dauert es zunächst halt eine Weile. Köln links liegen lassend biegen wir endlich Richtung Nordosten ab. Kurz hinter Leverkusen fühlen wir uns dann endlich stark genug, es mit Topos ominöser Ossi-Plörre aufzunehmen. Und ich muss wirklich zugeben: Das Zeug schmeckt gar nicht mal so gut. Ehrlich! Das findet auch noch mindestens ein weiterer Mitfahrer aus unserer Truppe. Er schafft es, Bier aus einem halbleeren Becher zu verschütten (um ihm peinliche Nachfragen dazu zu ersparen, sei der Name hier bewusst nicht genannt. Immerhin kann ich verraten, dass der Vorfall im Wald geschah. ;-) )

Dass Alkohol die Zunge lockert, ist ja ein weithin bekanntes Phänomen. Aber ob Waldemar das kurz vor Bielefeld Gesagte nicht doch irgendwann bereuen wird? Vollmundig kündigt er an, als wir über Ronnies neues Tattoo sprechen: „Wenn wir drinbleiben, kommt bei mir auch ein Adler auf den Oberarm.“ Wir haben es alle gehört, Grauer Wolf. Bei Klassenerhalt bist Du fällig! *grins*

Die Bielefeld-Verschwörung - wer hat nicht schon von ihr gehört. Kaum ein Mythos hält sich so hartnäckig wie dieser eine, nach dem es eine Stadt namens Bielefeld überhaupt nicht gibt. Die Theorie steht hier: http://www.bielefeldverschwoerung.de/.Und die Praxis ist noch viel besser! Die Illusion ist nahezu perfekt! Die Häuserfassaden sehen beinahe echt aus, und selbst auf die Perspektive wurde bei jedem einzelnen Bau geachtet: Nirgends ist eine falsche Fassade als solche zu erkennen. Und doch gibt es klare Hinweise auf die Richtigkeit der Verschwörungstheorie: Auf unserem halbstündigen Fußmarsch mitten durch die „City“ sehen wir keine zehn Personen, die nicht in einem Auto sitzen. Und ob diese Personen wirklich alle richtige Menschen sind, darf getrost bezweifelt werden: So schauen zwei von ihnen völlig regungslos aus „Wohnungsfenstern“ auf die vorüberziehende Frankfurter Fankolonne herab. Irgendwie unheimlich.

Zum Fußmarsch noch ein unerfreuliches internes Detail: Es gibt in unseren eigenen Fan-Reihen bekanntermaßen einige, die grundsätzlich ein Problem haben, wenn sie Polizei in Uniform sehen. Das ist an sich deren Problem. So richtig übel wird es aber, wenn solche Leute gleichzeitig die Hosen voll haben. Frei nach dem Motto: „Der Bulle hat Haue verdient, aber ich traue mich nicht ihn selbst anzugehen.“ Also wird mal eben ein völlig Unbeteiligter ganz gezielt in Richtung Uniformierter gestoßen, damit letzterer im Idealfall umgerempelt wird. Dass der Gestoßene unter Umständen dafür den Schlagstock abbekommt, wird ganz offensichtlich billigend in Kauf genommen. Dieses Verhalten ist dermaßen asozial, dass mir die Worte fehlen! Aber ein Wort hab ich dann doch noch an den netten Typ, der mich gestoßen hat: Ich wünsche Dir im richtigen – ausdrücklich richtigen!!! – Moment ebenfalls einen Stoß von hinten. Und dann muss nicht unbedingt ein Polizist im Weg stehen, du Arschloch!!!

Das Schöne an der Bielefelder Alm ist der große „Auslauf“ den die Gästefans dort genießen. Hirtendienste verrichten zumindest heute hier die freundlich-aufdringlichen jungen Damen mit den Schreibblöcken von der Bild am Sonntag in der Hand. Eine von ihnen spricht mich an, als ich gerade mit meiner – übrigens wirklich leckeren – Bratwurst fertig bin. Entsprechend gesättigt und durch die sehr hübsche Erscheinung der Kleinen milde gestimmt, gebe ich entgegen sonstiger Gewohnheit einen Tipp für das Spiel ab (2:1 für uns) und meine Adresse raus, um nun drei Wochen lang mit der BamS belästigt zu werden. Aber mein Plan ist ja auch ein anderer: Kaum ist sie mit dem Ausfüllen meines Bogens fertig, nehme ich ihr das Schreibbrett ab und möchte das Spiel umgekehrt nun mit ihr machen. Sie ist offenbar so überrumpelt, dass sie meine Frage nach ihrem Tipp sogar Beantwortet („Also, ich muss natürlich für Bielefeld Tippen: 2:1.“). Doch just in diesem Moment kommen ein paar andere Frankfurter dazu und wollen unbedingt ein Foto von ihr machen. Diese Aktion entpuppt sich als absolute Blutgrätsche gegen mich, da ihr die ganze Sache jetzt suspekt wird. Weitere Fragen nach Adresse und Telefonnummer, die ich ja ganz ordnungsgemäß auf dem von der BamS dafür zur Verfügung gestellten Zettelchen eintragen will (remember: ich halte immer noch das Schreibbrett in Händen), beantwortet sie nicht mehr. Statt dessen bettelt sie um das Brett: „Ich muss doch noch ein bisschen Geld verdienen.“ Ach, der schnöde Mammon! Aber da ich ja gut erzogen bin (Hey, wer hat da gerade gelacht?), händige ich ihr das Arbeitsgerät nach einer Weile wieder aus. Ich bin überzeugt, sie wird bald bei mir anrufen! Immerhin hat sie ja meine Adresse und Telefonnummer! Sie wird sich melden! Ganz sicher! Doch, doch, ganz bestimmt! --- Sie wird sich doch melden, oder?

Leider hat die Kartenverteilung trotz Waldemars allergrößter Anstrengung nicht ganz geklappt. Unsere ohnehin kleine Gruppe sitzt – besser: steht auf beide Enden des Blocks verteilt. Topo, Waldemar und ich stehen ziemlich weit links in Richtung eigentlichem Gäste-Stehblock. Direkt bei uns steht Taunusadler Uli, gewohnt engagiert und mit Aussagen, die von den Worten her besonnener sind, als sie sich aus seinem Mund ausgesprochen anhören. Wieder einmal ist unser Auswärts-Support den Heimfans haushoch überlegen, wenn auch diesmal nicht ganz so eklatant wie schon so manches Mal in dieser Saison. Das Spiel ist spannend. Keine Seite kann das Geschehen kontrollieren. Und doch wirkt unsere Mannschaft mal wieder ein wenig passiv und zurückhaltend. Aber ist das ein Wunder bei sieben – SIEBEN – Ausfällen? Mitte der zweiten Halbzeit passiert es dann doch. Eine Standardsituation führt zum 1-0 für die Arminen. Shit happens. Die Ankündigung des Torschützen hat wirklich etwas Bizarres: „Un --- ser --- Tor --- schüt --- ze: --- Mit --- der --- Num --- mer ---drei --- zehn --- Hei --- ko“ „Wes --- ter --- mann“ „Hei --- ko“ „Wes --- ter --- mann“ „Hei --- ko“ „Wes --- ter --- mann“ Ein konsequenter Schiedsrichter lässt für ein derartiges verbales Zeitspiel mindestens fünf Minuten nachspielen. Aber heute ist eh nicht unser Tag. Die wenigen guten Möglichkeiten in der Schlussphase werden ausgelassen, und dann begeht Köhler in der Nachspielzeit auch noch eine völlig sinnlose Notbremse und sieht vollkommen zu Recht die rote Karte. Der nächste Ausfall. Teure Niederlage! Und eins steht fest: Am Dienstag im Pokalspiel muss eine andere Leistung her, sonst haben wir auch zu Hause keine Chance.
Der Rückweg zum Hauptbahnhof erfolgt wie damals in Cottbus in gemischter Formation. Und bis auf ganz wenige Auseinandersetzungen Einzelner bleibt alles friedlich. Die Grundstimmung ist klar: Heute wart ihr besser, Glückwunsch zum Klassenerhalt! Aber Dienstag sind wir dran! Auf halbem Weg wird ein Lidl-Markt leer gekauft. Schließlich steht uns eine lange Rückfahrt bevor. Und unsere ursprünglichen Vorräte sind längst aufgebraucht. Als wir uns schließlich am Bahnsteig wieder treffen, haben wir acht Sixpacks dabei. Waldemar hat die Schnauze voll: „Auf der Rückfahrt trinke ich höchstens noch ein Bier!“ Abwarten! Schnell stellt sich heraus, dass das Bier von Lidl (mit dem sehr sympathischen Namen „Bergadler“), 1,99 Euro der Sixpack, ein richtig guter Gerstensaft ist. Während wir auf unseren Sonderzug warten, der rund zwanzig Minuten Verspätung hat (den geradezu unglaublichen Grund dafür werden wir noch erfahren), kommen wir mit zwei Hardcore-Arminen von einem Motorradclub 50 Kilometer von Bielefeld entfernt ins Gespräch. Da der ganze Bahnsteig voller Frankfurter ist und die beiden ihre Begleiterinnen dabei haben, sind sie ganz zahm.

Als der Zug endlich eintrifft, finden wir bald auch unsere Sitzplätze wieder. Inzwischen hat sich Hunger breit gemacht, der ganz offenbar bei dem einen oder anderen auch auf das Sprachzentrum geschlagen hat. Wie sonst ist Topos Anfrage zu deuten, mit Fleischwurst in der Hand und Hunger in den Augen: „Hat mal jemand ein leeres Brötchen da?“ Topo, was erwartest Du normalerweise in Deinen Brötchen? Nur so ´ne Frage. Ach ja: Und Deine ständig wiederholte Forderung „des kommt aber net in de Bericht!“ geht mir ganz aber so was von am Bobbes vorbei! ;-)

Der Einsatzleiter von S.A.F.E., dem Ordnungsdienst, der den Zug begleitet, klärt uns über die Ursache der Verspätung auf: Der Zug wurde zur Reinigung nach Hannover gefahren. O-Ton S.A.F.E.-Einsatzleiter: „Als ich über diese Aktion informiert wurde, hab ich die erstmal gefragt, ob sie uns verarschen wollen.“ Zur Info: Hannover liegt rund anderthalb Stunden von Bielefeld entfernt. Einfache Strecke. Spricht hier noch jemand über hohe Energiepreise? Bei der Bahn offenbar niemand. Immerhin gab es auch für die S.A.F.E.-Leute in Hannover noch etwas zum Lachen: Ein Mitarbeiter der Toilettenreinigung war offenbar so in seine Arbeit vertieft, dass er nicht merkte, dass sich der Zug schon wieder in Richtung Bielefeld in Bewegung setzte. Während der Zug anrollte, riss er die Türe auf und sprang hektisch ab.

Die Rückfahrt. Ein weiterer Abschnitt in unserer Fanclub-Historie, der Legenden und Mythen entstehen lassen wird. Das Bier fließt in gewohnten Strömen. Es ist wieder Waldemar – mit seinem inzwischen bereits dritten Bier auf der Rückfahrt (!) –, der die Sache auf den Punkt bringt: „Scheiß Sauferei! Mit euch fahr ich nie wieder auf ein Auswärtsspiel! [kurze Pause] Wann fahren wir nochmal nach Dortmund?“ Dabei ist er es, der sich als einziger von uns nicht so recht zwischen durstig und schläfrig entscheiden kann. Wir versuchen, ihm die Entscheidung so gut es geht abzunehmen. Allen voran Thommy als rühriger Vorsitzender: „Hat der Waldi noch Bier? Den fülle mer jetzt ab!“ Ich werfe einen prüfenden Blick auf den halb schlafenden Grauen Wolf und bewerte seinen Zustand als „komatöies“. Hach, der Verlust der Muttersprache kann schon was feines sein! Zur Beruhigung aller: Waldemar ist spätestens beim nächsten „Zieht dem Waldi die Lederhose aus!“ wieder hellwach.

Auch Felix hat – noch immer alkoholfrei – Probleme, sich zu artikulieren. Seine Frage „Brötsche unn Woscht?“ wird von vielen als „Deutsche Post?“ verstanden. Inzwischen ist eine Polonaise durch den Zug im Gange. Nicht sonderlich erfolgreich. Aber immerhin ist Topo mit dabei. Ganz am Ende. Und was ruft er mir wohl im Vorübergehen zu? Genau: „Des kommt aber net in de Bericht!“ Thommy ist anderweitig beschäftig. Er versucht, Kronkorken aus dem Fenster zu werfen. Die Sache hat nur einen Haken: Das Fenster ist geschlossen. Jetzt übernimmt auch er Topos Forderung: „Des kommt aber net in de Bericht!“

Topo bietet Felix ein Bier an, erinnert sich dann aber doch an dessen Fastenvorsatz: „Nee – du wart´st bis Ostern!“ Auch ich selbst habe schwer zu kämpfen. Und ich muss ja nebenbei noch was schaffen. Ich glaube, ich habe selten hoffnungsvollere Blicke geerntet als nach dieser Feststellung: „Ich notiere fleißig! Die Frage ist nur, ob ich später auch alles wieder entziffern kann!“ [kleiner Nachtrag: Sauklaue und Bierkonsum sind definitiv proportional zueinander. Will sagen: Das Entziffern meiner Aufzeichnungen fällt immer schwerer, je länger die Fahrt dauerte.]

Und irgendwann erfährt selbst die Verschütt-Aktion der Hinfahrt noch ihre Steigerung: Diesmal schafft es einer sogar, Bier aus einer halbleeren Flasche(!) zu verschütten. Wieder nenne ich keinen Namen, frage mich jedoch allen ernstes: Willert nisch mehr? Auch die Gesänge haben inzwischen jeglichen Sinn verloren. Beispiel gefällig? Bitteschön: „Allee, Allee, Allee, Allee, Allee, eine Straße mit viel Bäumen, Allee, Allee, Allee.“ Kurz vor Frankfurt spielen wir dann noch mal Dosen werfen. Aber ich gebe zu, die Regeln werden doch sehr großzügig ausgelegt, gell, Thommy?

Am frühen Sonntagmorgen gegen halb eins ist der Spuk vorüber. Wir erreichen eine der letzten S-Bahnen nach Orschel und sind irgendwo doch froh, uns morgen mal einen Tag nicht sehen zu müssen. Montag ist wieder treffen. Und Dienstag das große Pokal-Halbfinale gegen einen Gegner aus einer Stadt, die es – ich bin nach wie vor nicht vom Gegenteil überzeugt – in Wahrheit gar nicht gibt.

Leute, es war mal wieder grandios! Mit Euch unterwegs zu sein ist das Größte! Ich bin unglaublich stolz auf diesen EFC! So, das musste ich mal los werden! Danke an alle, die dabei waren und diese Fahrt zu einem weiteren Highlight gemacht haben.


Nachtrag: Wir kamen alle ziemlich zerstört zu Hause an. Aber einer hat sich wohl doch etwas daneben benommen. Am Montag im Schwanen, so gegen zehn, erhielt Thommy eine SMS von seiner Frau: „Du bist bitte um halb elf fertig für´s Bett!“ Thommy behauptet zwar steif und fest, dass diese SMS ein Irrläufer und eigentlich für seinen Sohn bestimmt war (was Marion am nächsten Tag auch bestätigte – aber was will das schon heißen?). Ich glaube eher, Thommy hat seit Samstag Hausarrest! ;-)
Bleibt nur noch eine Frage offen: Wieso um alles in der Welt sprang unser Opa auf und machte sich zum Gehen bereit, unmittelbar nachdem Thommy die oben stehende SMS laut vorgelesen hat?

 

Orschel Eagle’s Tales from the Road

1.FC Köln – Eintracht Frankfurt 1:1 (1:1)

„Das Schweigen der Lämmer“ oder „Kennt irgendjemand den Weg?“


Kleines Quiz vorab: Welches sind die drei streckenmäßig kürzesten Auswärtsfahrten dieser Saison? Mainz, Kaiserslautern und – richtig – Köln. Und welches ist die Auswärtsfahrt, bei der die Heimreise am längsten dauert? Wieder richtig: Köln. Was wohl die Herren Blatter, Beckenbauer und Co. sagen werden, wenn sie im Juni von diesem Rhein-(gar-keine-)Energie-Stadion wegfahren wollen und erst mal zwei Stunden bis zur höchstens fünf Kilometer entfernten Autobahn braucht? Ich bezweifle ernsthaft, dass es für VIPs (Very Impotent Persons) unterirdische Zu- und Abfahrtswege zu diesem an sich wirklich gelungenen Stadion gibt. Aber wie auch immer: Sepp und Franz und Konsorten hätte es redlich verdient, in diesem Stau zu verschimmeln. Und insofern verschwende ich jetzt mal keinen Gedanken mehr daran.

Die morgendliche Wartezeit vor meinem Haus auf meinen Fahrdienst Richtung Bad Homburg (Snjezana, Jörg und Klaus) wird verkürzt durch einen freundlichen Menschen aus Friedrichsdorf, der mit seinem Wagen ein paar Meter neben mir anhält, aussteigt und mir den völlig verdreckten Abwasserschlauch seiner Waschmaschine unter die Nase hält, der gerade dabei ist, sich in seine Bestandteile aufzulösen: „Wo könne kaufe in Obeursel?“ Leider kann ich dem guten Mann nicht helfen: Schläuche in solchem Zustand verkauft in Orschel kein Mensch. Oder sollte er auf der Suche nach einem neuen gewesen sein? Meine vergeblichen Überlegungen in letzterer Richtung werden von meinem Eintreffenden „Taxi“ verdrängt.

Am Homburger Bahnhof werden erst mal die Tickets verteilt. Mit geschultem Blick bemerkt Felix eine kleine Pfütze, die sich hinten rechts am Bus auf dem Boden gebildet hat. Doch Bruno beruhigt: „Kein Problem!“ Wir lassen uns wie gewohnt ziemlich weit vorne im Bus nieder. Leider ist von hier aus der Weg zum Getränkeverkauf auf der letzten Bank recht weit. Aber unterwegs bietet sich ja die Gelegenheit zum einen oder anderen netten Plausch, während uns vorne Bruno einmal mehr sicher durch die Lande gondelt.

Erste Rast in Limburg. Alles voller Eintracht-Busse. Wie gewohnt, zieht die Karawane mit den Adlern weiter. So auch heute in die Stadt, in der angeblich „de Sultan Dorsch hät“. Wieder auf der Autobahn hat Snjezana beim Tippspiel eine ganz abstruse Vision – und tippt doch tatsächlich als nahezu einzige nicht auf einen Auswärtssieg: 1:1. Dabei muss doch jedem klar sein, dass heute viele, viele Tore fallen werden! Ich meine, die Kölner Abwehr existiert ja schon die ganze Saison nicht (siehe unsere sechs Buden aus dem Hinspiel), und bei uns fehlt die gesamte Verteidigung wegen Verletzungen und Sperren. Na, sie wird schon sehen, was sie von diesem Tipp hat! Inzwischen bekommt Jörg ein Maoam-Tattoo verpasst, welches aber leider nicht lange hält. Das nächste mal muss ich dann wohl doch mein Heim-Tätowierset aus dem Teleshop mitbringen. ;-)

Noch mal steuern wir einen Parkplatz an. Einen winzig kleinen direkt neben der Fahrbahn. Bruno greift sich seine Arbeitshandschuhe und beginnt, am hinteren Teil des Busses zu werkeln. Erste Sprüche werden laut: „Tja, das war´s dann wohl!“ Noch sind sie wenig ernst gemeint... Dutzende Busse und noch weit mehr Privat-PKW fahren schwarz, weiß und rot dekoriert hupend an uns vorüber.

Endlich sind wir wieder selbst unterwegs. Doch schon kurz vor Bonn stellt sich das nächste Problem: „Wer kennt eigentlich den genauen Weg zum Stadion?“ In jedem Fall erst mal südlich um Köln rum. Und dann ist es wohl nicht die schlechteste Idee, erst mal dem Kölner Mannschaftsbus zu folgen, der drei Fahrzeuge vor uns definitiv das selbe Ziel hat wie wir. Zwar werden Stimmen laut, die dafür plädieren, den rollenden Geißbock-Transporter einzuholen und von der Straße zu drängen, doch dazu hat Bruno irgendwie keine Lust. Wenn das keine Tierliebe ist! Irgendwann ist der Bus von „Hennes Tours“ verschwunden – na ja, wir sind ihm halt doch nicht konsequent gefolgt. Dafür stehen wir jetzt, gut zwei Stunden vor Anpfiff im obligatorischen Kölner Fußball-Stau. Immerhin bietet er Gelegenheit, optische Eindrücke von den zahlreich Richtung Stadion strömenden Kölschen Mädschen zu sammeln. Also ehrlich: Es ist nicht wirklich nachvollziehbar, dass ausgerechnet Köln eine Schwulen-Hochburg ist...

Nachdem wir unter massiven Protesten einiger Mitfahrer den Stadionbereich einmal großräumig umrundet haben, steuern wir einen Parkplatz in einer Seitenstraße südlich des Stadions an. Über einen herrlichen Waldweg kommen wir schließlich von der Südtribüne her und um das halbe Stadion herum an unserem Blockeingang an. Die Gruppe ist durch diverse Bier-Entsorgungen gesprengt, so dass sich im Block N 5 vereinzelte Gruppen zusammenfinden. Klaus, Felix, Michael und ich finden Platz ganz oben im Eck des Blocks. Hier haben wir den Vorteil, uns unter ein Logenvordach zurückzuziehen, wenn die tief stehende Sonne allzu sehr blendet. Die Stimmung ist gewohnt prächtig. Ich mache mich noch mal auf die Suche nach Snjez und Jörg, komme aber nach einer Weile statt mit ihnen mit einer Hand voll Choreo-Fähnchen zurück.

Die Kölner Südtribüne gleicht bislang eher einem Stillleben [ich bleibe dabei: Die Rechtschreibreform ist der größte Mist! Drei „l“ hintereinander! Lllächerlllich!!!] denn einer Fankurve. Doch knapp anderthalb Minute nach Anpfiff regt sie sich. Der Effzeh ist in Führung gegangen. Unsere Abwehr war noch nicht richtig auf dem Platz, und Springer spitzelt einen flachen Freistoß von Streit ins kurze Eck. Dreißig Sekunden geht die Kölner Kurve ab wie Schmitts Katze. Dann herrscht wieder Friedhofsstimmung. Für den Rest des Spiels. Irgendwie hat mich das stark an unser letztes Spiel vor dem zweiten Abstieg gegen Stuttgart erinnert (2:1 für uns). Ihr erinnert Euch. Die Fanblocks auf der alten GGT hielten als Choreo Kreuze mit den Namen derer in die Höhe, die wir damals für den Abstieg verantwortlich machten. Auch wir jubelten damals heftig über beide Tore – aber auch nur für wenige Sekunden, da wir wussten, dass sie am Abstieg nichts mehr ändern würden. Die Kölner Anhängerschaft hat sich ganz offensichtlich längst mit ihrem Schicksal abgefunden. Und statt die Geißböcke bei ihrer wohl allerletzten Chance noch einmal bedingungslos anzufeuern, stehen sie wie belämmert in der Kurve und schweigen. Ob das ganze wirklich ein Neunzigminuten-Boykott ist, wie später aus Kölner Reihen verschiedentlich behauptet werden soll – ich habe meine Zweifel. Bezeichnend vor allem die Reaktion auf die rote Karte kurz vor der Pause gegen Szabics: Normalerweise verwandelt eine solche Entscheidung gegen einen Spieler der Heimmannschaft ein Stadion wie das in Köln in einen Hexenkessel. Und hier: Ein paar Schieber-Rufe, ein paar Pfiffe, sonst nichts.

Ach ja: Wir haben früh durch Rehmers Kopfball nach Köhler-Freistoß ausgeglichen, ein weiteres Tor erzielt, das (wohl zurecht) wegen Abseits nicht anerkannt wurde, in der zweiten Halbzeit reihenweise beste Chancen vergeigt, und am Ende noch um den Punkt gegen zehn Kölner gezittert, weil Scherz beinahe ein Missverständnis zwischen Rehmer und Nikolov ausgenutzt hätte. Über neunzig Minuten waren im weiten Rund – na ja, wohl eher im weiten Rechteck nur wir Frankfurter zu hören, was offenbar nur dem Premiere-Kommentator verborgen blieb, der ständig etwas von der trotz aussichtsloser Lage grandiosen Kölner Atmosphäre faselte, wie ich später reichlich amüsiert hören dürfte.

Auf dem Weg aus dem Block treffen wir alle wieder zusammen. Auch Najim taucht auf, ist aber ebenso schnell wieder verschwunden. Jörg sieht Waldemar (der diesmal nicht mit uns unterwegs ist), telefoniert auch mit ihm, doch irgendwie schaffen wir es, uns trotz Handy zu verfehlen. Felix verkündet er habe Hunger und läuft zielstrebig nach rechts weg. Jetzt fällt auch Klaus ein, dass er ja eigentlich gerne was essen würde: Wo ist denn hier der nächste Stand?“ Antwort: „Dort hinten, nicht zu übersehen, genau entgegen der Richtung, in der Felix gerade so zielstrebig abgedampft ist.“ In dem Moment kommt Felix auch schon mit leeren Händen, dafür aber noch hungrigerem Gesicht zurück. Als schließlich alle hungrigen Mäuler gestopft sind, machen wir uns langsam auf Richtung Bus. Und wieder einmal zeigt sich, dass man mit den weitaus meisten Leuten des jeweils anderen Lagers prima ins Gespräch kommen kann. Natürlich nicht mit allen. Und Felix ist ein großer Experte darin, genau die Falschen anzusprechen: „Sag mal, unser zweites Tor, war das wirklich abseits?“ Durch knirschende Zähne zischt es zurück: „Das ist euer Problem. Und jetzt verzieh dich, sonst polier ich dir die Fresse.“ Obwohl Frankfurter und Kölner bunt gemischt auf dem Waldweg unterwegs sind, bleiben dies die einzigen Misstöne.

Endlich am Bus angekommen, fängt der Durst wieder an, massivst Ansprüche anzumelden. Ich habe gerade meine neue Flasche in der Hand und will gerade den Bügelverschluss öffnen, als jemand nach meinem Handgelenk greift und es kräftig schüttelt. Was für eine Volleule war das denn? Volleule??? Von wegen! Unsere konsequente Alkohol-Verächterin Snjezana! Aber es heißt ja nicht umsonst „Quäle nie ein Bier zum Scherz.“, und so ergießt sich die durch das unsachgemäße (sic!) Schütteln der Flasche verursachte Bierdusche von mir fachmännisch gesteuert über die Übeltäterin. Tja, Snjez, Strafe muss sein! Wie gut, dass das Kapuzenshirt sowieso gewaschen werden musste. Aber ich denke, an diesem Abend hat ihr niemand mehr abgenommen, dass sie nichts trinkt. ;-)

Nach einer kurzen Begegnung mit ein paar Orschelern, die per Auto in Köln waren, geht es wieder los Richtung Heimat. Zunächst wird das Tippspiel aufgelöst. Snjezana hat mit ihrem 1:1-Tipp doch tatsächlich den Pott geknackt. Ich fasse es nicht und beginne mal wieder, an meinem Fußball-Sachverstand zu zweifeln. Immerhin investiert sie einen Teil des Gewinns direkt in ein gutes Geschäft mit rund fünfprozentiger Rendite: Bier für uns. Ich begebe mich ins Heck des Busses und muss feststellen, dass wir mal wieder ein Riesenproblem haben: Die Biervorräte sind jetzt schon komplett aufgebraucht. Schnell die letzten fünf Pullen „gehamstert“ und schnell wieder nach vorne. Auf dem Weg ruft mir Sandra zu, ich solle mal Ausschau nach einem Getränkemarkt halten, um die Vorräte aufzufüllen. Aber trotz Schritt-Tempo bis zur Autobahn ist weit und breit keine solche Oase für unsere durstige Karawane auszumachen.

Schon bald wieder eine der traditionellen Raucherpausen. Auf dem Rastplatz sind auch Busse mit Bayern-Anhängern auf dem Rückweg von deren Gastspiel in Duisburg. Die anfänglich leicht feindselige Stimmung bessert sich schnell, als gemeinsam die altbekannten Anti-Köln-Lieder angestimmt werden. Aber sonst... Gratulationen zur Meisterschaft werden dankend abgelehnt: „Die interessiert uns doch gar nicht. In der Champions League sind wir rausgeflogen.“ Innerlich bleibt ein heftiges Kopfschütteln: Der eine Bus kommt aus dem Westerwald, und die Leute darin schleppen weiß-blaue Rautenfahnen mit der Aufschrift „Mir san Bayern“ mit sich herum. Geografiekenntnisse mangelhaft. Sympathischer schon der echte Urbayer aus Pfaffenhofen, der sich uns gegenüber über die vielen Stadion-Touristen in der Allianzarena beklagt und darüber nicht bemerkt, wie sein Bus ohne ihn abfährt.

Nachdem Snjez bei der letzten Fahrt nach Schalke einen der Tombola-Hauptpreise abgeräumt hat, ist diesmal Jörg dran. Die fünf Freigetränke werden wir bei der nächsten Fahrt bestimmt genießen (diesmal gab´s ja nix mehr). In Limburg sind endgültig die allerletzten Tropfen Bier aus den Flaschen herausgepresst, und wir sitzen komplett auf dem Trockenen. Und wieder einmal erweist sich Snjez als Retterin in der Not: Im Rasthof werden schnell ein paar Dosen (oder eher Fässchen?) dänisches Faxe geholt. Das ist das Gebräu in den Literdosen. Und die waren doch tatsächlich einen Euro billiger als die preisgünstigste 0,5 Liter-Dose mit deutschem Bier. Und wer kennt nicht das Sprichwort, nach dem in der Not der Teufel eben Fliegen frisst. Immerhin reicht das jetzt bis Frankfurt, so dass wir definitiv unverdurstet wieder heimischen Boden erreichen werden.

Nach kurzen Überlegungen, den angebrochenen Abend noch mit den Alten Kameraden in Kirdorf ausklingen zu lassen, seilen wir uns am Homburger Bahnhof – den wir unter lauten Eintracht-Gesängen erreichen – dann doch Richtung Orschel ab. Michael bringt Felix und mich nach Bommersheim, wo ich noch auf einen Sprung mit in den Grünen Baum gehe. Ohne auf Einzelheiten eingehen zu wollen: Wer da nicht mehr mit war, hat was verpasst, gell Felix?

Einmal mehr gilt unser Dank den Alten Kameraden und vor allem den Kreißls für die tolle Organisation. Auch Fahrer Bruno hat trotz aller Widrigkeiten (remember: die zweite, unfreiwillige „Rast“ auf der Hinfahrt) wieder einen guten Job gemacht. Nicht zuletzt wieder ein herzliches Dankeschön an alle, die dabei waren und auch diese Fahrt zu einem weiteren unvergesslichen Erlebnis gemacht haben.

Ps.: Ist es bei uns üblich, dass der Vorsitzende nicht mitfährt? Klaus war früher nie dabei. Jetzt ist er aus dem Vorstand zurückgetreten und hat Thommy seinen Platz überlassen. Und prompt ist Klaus mit von der Partie, und Thommy fehlt mit äußerst zweifelhaften Argumenten. Wenn das mit dem Amt zu tun hat, möchte ich abschließend nur eins feststellen:

ICH WILL NIE ERSTER VORSITZENDER WERDEN!!!

 

 

Orschel Eagle’s Tales from the Road

Schalke 04– Eintracht Frankfurt 2:0 (0:0)

„Oddset für die Zahnspange“ oder „Zweierlei Maß“


Mal ehrlich: Wenn dieser Winter irgendwann einmal vorüber ist, werden wir ihn ganz schön vermissen! Dieses Frieren auf jedem einzelnen Autobahnparkplatz dieser Republik. Diese viel zu heiß eingestellten Heizungen in den Bussen. Dieses gute Gefühl, einmal wirklich griffige Argumente für die frühe Abfahrtszeit zu haben, was natürlich jegliche Diskussion bereits im Keim erstickt. Wir werden ihn wirklich vermissen, diesen Winter. --- Hoffentlich sehr bald!!!

Natürlich hat die S-Bahn aus Frankfurt bei diesen Temperaturen auch noch regelmäßig zwei bis drei Minuten Verspätung. Da steht man dann am Orscheler Bahnhof, allein gelassen von allen Mit-EFClern, und friert sich sonstwas ab. Hätte nie gedacht, dass ich mal einen Grippekranken beneiden würde, der jetzt schön eingemummelt in seinem warmen Bett liegt. Der zugegeben etwas skurrile Neid ist jedoch verflogen, sobald die S-Bahn eintrifft. Stattdessen setzt leichtes Mitleid ein: Der arme Jörg wird eine weitere kultige Auswärtsfahrt verpassen. Wie kann man sich auch eine Grippe ausgerechnet über das Wochenende einfangen? Ein bisschen Schadenfreude wird da ja wohl erlaubt sein, oder?

Theo ist der einzige Mitfahrer, der sich in der Bahn blicken lässt. Schnell sind die Ergebnisse vom Vortag analysiert und die Erwartungen für das heutige Auswärtsspiel auf Schalke mit „gegen Null tendierend“ festgelegt. Also, geht es ganz entspannt Richtung Lückel-Bus, wo Familie Kreißl gerade die Getränkevorräte im Kofferraum verstaut. Und hier sind auch alle Orscheler. Pünktlich! Und am richtigen Abfahrtsort! Ja, wir können auch anders! ;-)

Kurz nach zwölf geht´s los. Diesmal ohne Umweg über Frankfurt. Von den Mainhattenern sind nur zwei dabei. Also direkt auf die Autobahn. Der große Vorteil an dieser Jahreszeit ist der, dass das Bier in aller Regel immer eine gute Trinktemperatur hat. So geht es – Snjezana ohne Pepsi light, Waldemar ohne Zahnschmerzen (aber trotzdem mit kritischen Bemerkungen über die „Sauferei“) – gewohnt feuchtfröhlich Richtung Ruhrgebiet. In Limburg ein kurzer Stopp, um einen weiteren Mitfahrer aufzunehmen. Und am ICE-Bahnhof Montabaur die obligatorische erste Pause. Die Temperaturen treiben diesmal wirklich alle ins Innere des Bahnhofs. Dort gibt es tatsächlich ein kostenloses „WC-Center“. Und hier kann man mitunter etwas äußerst Ungewöhnliches beobachten: Eine Warteschlange vor dem Herrenklo. Kein Wunder bei nur einem Pissoir und einer Schüssel. Überhaupt ist dieser Bahnhof die Inkarnation des Begriffs provinziell. Hier halten ICEs auf der Fahrt von Frankfurt nach Köln – und der Fahrplan ist kleiner als der im Orscheler Bahnhof. Erstaunlich, dass es tatsächlich jemanden gibt, der sich damit brüstet, diesen wohl überflüssigsten aller deutschen Bahnhöfe realisiert zu haben: Die FDP wuchert mit diesem Pfund im rheinland-pfälzischen Landtagswahlkampf. Ganz großes Tennis!

Weil auch hier in Montabaur alle pünktlich waren, findet der Fototermin vor dem Bus diesmal mit allen Mitfahrern statt. Okay, einige Damen halten sich mehr oder weniger geschickt außerhalb des Bildausschnitts auf („ich seh auf Fotos nie gut aus“), was zunächst einige spitze Bemerkungen und später das Herumreichen unzweideutiger Fotos zumindest eines der betroffenen Mädels von früheren Spielen zur Folge hat. Tja, wer solche Steilvorlagen liefert, der muss damit rechnen, dass sie auch verwertet werden! ;-)

Das traditionelle Tippspiel. Ich wähle diesmal einen Dreierweg mit vielen Nullen. Mal sehen, ob´s was wird. Sandra erzählt nebenbei, dass sie heute zum ersten Mal überhaupt Oddset gespielt hätte: „Meine Tochter braucht dringend eine Zahnspange. Das kostet rund 1500 Euro. Wenn ich gewinne, bekomme ich für zwanzig Euro Einsatz über 3000 Euro raus. Dann wäre die Zahnspange schon mal bezahlt.“ Doch ob die Kombination Sieg Eintracht auf Schalke, Sieg Lautern in Hamburg und Sieg Braunschweig in Freiburg wirklich so realistisch ist? Wir werden sehen. In jedem Fall sollte sich das Bundesgesundheitsministerium mal mit diesem Modell beschäftigen: Oddset als Krankenversicherung. Vielleicht steht uns ja bald eine neue Gesundheitsreform ins Haus...

Wir kommen so zeitig in Gelsenkirchen an, dass ein weiterer Zwischenstopp eingelegt werden kann. Die Blase dankt es! Das Gerücht macht die Runde, dass die beiden komischen Gebilde auf der gegenüber liegenden Abraumhalde noch Flakstellungen aus dem Krieg sind. Und so sehen sie auch wirklich aus. Im Pott ist halt einiges noch von gestern. Am Gästeparkplatz angekommen, stellen wir fest, dass wir diesmal nicht die ersten aus Frankfurt sind. Bei weitem nicht! Ist schon ein ungewohntes Gefühl. ;-) Thommy ruft bei Grippe-Jörg an und übermittelt Grüße und Genesungswünsche von der Truppe. Ansonsten ist die bevorstehende Jahreshauptversammlung unseres EFC Thema. Insbesondere das Für und Wider der Namensänderung wird wiederholt analysiert.

Als es endlich Richtung Ar... – Richtung Stadion geht, meldet sich bei den meisten erst mal der Hunger. Pizza (obwohl auf der Tafel etwas von Salami, Schinken oder sonstwas stand, schmeckte jede ein wenig nach Fisch) und Schnitzelbrötchen zu recht zivilen Preisen eliminieren diesen letzten Hinderungsgrund, und endlich stehen wir an der Einlasskontrolle an. Aber irgendwie sind wir am falschen Block angekommen. Thommy und ich kommen problemlos durch. Der Ratschlag des Ordners, wir sollten uns dort hinten ein Tor in der Blocktrennung öffnen lassen, sorgt für fassungslos-erschreckte Blicke der in der Nähe stehenden Polizisten. Übrigens: Mit dem Ordnungsdienst auf Schalke ist ein Unternehmen namens Bremen betraut. So langsam glaube ich, die Schalker haben ein gewisses Faible für die Fischköppe. Erst kaufen sie denen reihenweise die Spieler weg, und dann klauen sie sich für ihre Ordner auch noch den Städtenamen...

Im Block hat sich unsere Gruppe fast komplett aus den Augen verloren. Irgendwann treffen Thommy und ich auf Waldemar. Der sieht ein wenig blass um die Nase aus. „Ich hätte eben beinahe ins Röhrchen pusten müssen!“ Wie bitte? Alkoholtest bei der Einlasskontrolle?? Auf Schalke??? Ich dachte eigentlich, ich hätte inzwischen alles in Zusammenhang mit der WM nur Denkbare bereits erlebt. Offenbar doch noch nicht. Was uns da wohl bis Sommer noch erwartet?

Über das Spiel muss ich eigentlich gar nicht viel sagen. Es war so schwach, dass ich die Halbzeitpause bereits fünf Minuten früher antrat. Dank der im ganzen Stadion verteilten Fernseher habe ich dabei nicht mal den gefährliche Freistoß der Schalker kurz vor dem Halbzeitpfiff verpasst. Man trifft sich vor dem Bierstand und teilt seine Knappenkarte und seine Ernüchterung. Die Eintracht spielt viel zu zaghaft, beinahe so, als habe sie sich bereits vor dem Anpfiff mit einer Niederlage abgefunden. Ganze zwei Torschüsse in neunzig Minuten sind auch bei einer Topmannschaft ein Armutszeugnis. Und so kommt es in Hälfte zwei, wie es kommen musste: Larsen benutzt Rehmer als Aufstiegshilfe, Ebbe Sand zeigt der Eintracht, wie es vor dem Tor richtig geht, und am Ende steht es 2:0 für die Schalker.

Das eigentlich Spannende spielt sich jedoch auf den Rängen ab. Und hier zeigt sich einmal mehr auf faszinierende Art und Weise, dass zwar grundsätzlich alle gleich sind, aber manche eben doch noch etwas gleicher als andere: Im Block neben uns gibt es nach rund 25 Minuten eine kapitale Klopperei zwischen Schalkern und Frankfurtern. Als erstes kommt der Ordnungsdienst rein und holt zwei Schalker raus (von denen der eine nochmal kräftig zulangt und einen der Ordner zu Boden drischt), dann kommen die Grünen und kassieren Frankfurter. Kleines Ratespiel: Wer wird wohl eher Stadionverbot bekommen? Die Antwort kennt jeder, denke ich...

Absoluter Höhepunkt aus Frankfurter Sicht ist der seit dem Pokalspiel legendäre Wechselgesang „Schalke–Null-...“. Und diesmal durften auch die Blauen mitmachen. Der Ruf „Schalke“ aus deren Nordkurve wurde von uns sehr zutreffend und unwidersprochen korrekt mit „null-sechs“ beantwortet. Ich hab´s mir später nochmal in der Fernesehübertragung angehört. Wir waren damit lauter als die Schalker, die mit „null-vier“ antworteten. Manchmal fehlen auch mir einfach die Worte über diese unsere Fanszene!

Nach Spielende noch ein weiteres unerfreuliches Kapitel in der Reihe „was sich Fußballfans gefallen lassen müssen.“ Mehrere Gegenstände, die vor dem Spiel am Eingang abgenommen wurden mit dem Hinweis, man könne sie nach Spielende am Ordnercontainer wieder abholen, sind inzwischen – ist halt bequemer als sie aufzubewahren – locker-lässig entsorgt worden. Der Gipfel ist jedoch der arrogante Hinweis der zu Hause offenbar seit längerem zu kurz gekommenen „Dame“, man könne gerne die Müllbehälter durchwühlen und sich sein Eigentum dort wieder heraussuchen. Sachen gibt’s... *kopfschüttel*

Relativ zeitnah treten wir die Rückfahrt an. Waldemar ist aber mal so richtig sauer über Spiel, Leistung und Ergebnis. Wie gut, dass es für solche Fälle die von Dir so gerne verteufelte „Sauferei“ gibt, stimmt´s, grauer Wolf? Ansonsten hat sich die Stimmung aber gewohnt schnell wieder gebessert, und als es an die Tombola geht, ist der meiste Ärger schon wieder verflogen. Das ist das Gute an Auswärtsfahrten! Nach Heimspielen bist du mitunter mit Deinem Frust allein auf dem Heimweg. Im Fanbus baust du dich gegenseitig wieder auf. Und recht bald genügt schon ein einfaches „Prost!“, und du bist wieder halbwegs obenauf.

Ach ja: die Tombola. Diesmal ist Torsten unser großer Abräumer. Unter anderem nimmt er einen Massagestab mit nach Hause. Nein, nicht was Ihr jetzt vielleicht denkt! Einer für den verspannten Rücken. Eigentlich schön, dass dieser so wohltuende Preis einen getroffen hat, der sein Geld durch harte körperliche Arbeit verdient. Obwohl: Leiden nicht gerade wir Schreibtischhocker am meisten unter Verspannungen? Auch Snjezana schlägt zu (nein, diesmal nicht in meine Richtung! Bei der Tombola!) und holt sich den dritten Preis. Freigetränke im Bus. Irgendwie ironisch: Sie trinkt grundsätzlich keinen Alkohol, und auch das alkohofreie Zeug an Bord mag ihr nicht so recht schmecken. Was also tun mit dem Gewinn? Aber gute Freunde helfen gerne aus der Patsche. Und so sind wir nur allzu gerne bereit, das von ihr angeschleppten Bier auf ihr Wohl zu genießen.

Auch Waldemar geht es inzwischen zumindest stimmungstechnisch besser. Jetzt ist er wieder bereit, Bäume auszureißen, und kündigt aus heiterem Himmel an, bei der morgigen JHV für den Vorstand kandidieren zu wollen. Warum eigentlich nicht? Doch irgendwie sind nicht alle EFCler von der Ernsthaftigkeit seines Vorhabens überzeugt, wie zum Beispiel die Aussage eines nicht näher genannten Mitgliedes verdeutlicht: „Ob er sich da morgen noch dran erinnert?“ [Nachtrag: Hat er nicht! ;-)]

Als wir gegen Mitternacht wieder den Homburger Bahnhof ansteuern, ist eine weitere grandiose Auswärtsfahrt vorüber. Und wieder einmal gilt es, Danke zu sagen. Danke an Sandra und Co. für die nahezu perfekte Organisation der Fahrt. Tut mir leid, dass der Oddset-Plan nicht ganz aufgegangen ist: Alle drei haben verloren. Danke an alle Mitfahrer für einen weiteren fantastischen Support. Danke an die Glücksfeen der Tombola, die uns einmal mehr reich beschenkt haben. Danke an Bruno, der uns gewohnt sicher in den Pott und zurück gegondelt hat. Und nicht zuletzt: Danke, Snjezana, für´s finale Heimbringen.

 

 

Orschel Eagle’s Tales from the Road

25.2.2006 – Bayern München – Eintracht Frankfurt 5:2 (3:1)

„Ewiggestrige U-Bahn-Bauer“ oder „Wer ist Gaby???“

München. Eine Stadt, die sich schon immer gerne mit Attributen geschmückt hat. „Weltstadt mit Herz“ nennt sie sich. Für die Nationalsozialisten war sie die „Hauptstadt der Bewegung“ und die „Stadt der deutschen Kunst“. Kaum eine Stadt, die nicht nationale Hauptstadt ist, ist so von sich eingenommen. Wobei das mit der Hauptstadt ja immer eine Frage des Blickwinkels ist. Gerade in München. Denn Landeshauptstadt ist München ja schon. Und dass viele Bewohner der Stadt wie des Umlandes ein unabhängiges Bayern bevorzugen würden, ist nie ein Geheimnis gewesen. Dabei ist München gerade touristisch eines der ersten Ziele des deutschen Urlaubers. Man erfreut sich an Weißwurst (gerne auch nach zwölf Uhr mittags), genießt seine Hoiwe (ja, man versucht tatsächlich, die Sprache der Eingeborenen nachzuahmen) in den schönsten Biergärten und Brauhäusern der Republik, und für viele Bundesbürger ist der FC Bayern die absolute Nummer eins unter den Fußballvereinen (auch deshalb, weil viele einen anderen gar nicht erst kennen). Der gemeine Münchener hält sich für weltoffen. Maß aller Dinge ist dabei für ihn jedoch bereits der Weißwurst-Äquator, der sein Weltbild in eine überschaubare Anzahl von Menschen einteilt. Zwei, um genau zu sein: Bajuwaren diesseits jener Linie, die den weitaus meisten von uns eher als Donau bekannt ist, und „Preiß´n“, die überall dahinter zu finden sind. Der Einfachheit halber ist jeder Mensch, der nicht in Bayern (wohlgemerkt Bayern! Ohne Franken!) geboren wurde, für ihn ein „Saupreiß“. Der Münchener ist unendlich tolerant. Die „Preiß´n“ dürfen nicht nur in seinen Brauhäusern und Biergärten Platz nehmen, nein, sie werden dort sogar bedient! Und für dieses Privileg ist es nur recht und billig, dass sie sich von den Bedienungen wie das letzte Ar...loch behandeln lassen müssen. Alles in allem scheint es so, dass manche der oben aufgeführten Attribute durchaus zutreffen. Warum diese politisch-kulturell angehauchten Gedanken zur Einleitung? Nun, das hat mit einer extrem widerwärtigen Begegnung mit ein paar tiefbaulich ambitionierten jungen Leuten am Rande des Spiels zu tun. Aber dazu später mehr.

Es ist Fastnachtssamstag, 6.30 Uhr. Alle Mitfahrer des EFC Taunusquelle warten wie verabredet am Oberurseler Bahnhof, Bushaltestelle Richtung Bad Homburg, auf den von den Taunus Adlern organisierten Doppeldeckerbus. Alle Mitfahrer? Nein. Wie immer fehlt einer. Diesmal ist es Torsten. Der ist nicht zur Bushaltestelle Oberursel Bahnhof Richtung Bad Homburg gekommen, sondern wartet mutterseelenallein an der Bushaltestelle Bad Homburg Bahnhof Richtung Oberursel. Thommy, kleiner Tipp: Lass Dir das nächste Mal schriftlich bestätigen, dass jeder kapiert hat, wo genau es losgeht! Oder führst Du etwa absichtlich jedes Mal jemand anderen in die Irre??? ;-)

Endlich kommt der Bus. Wir besetzen gleich ein paar Plätze oben in der Nähe der Treppe. Gerüchteweise soll der Getränkeverkauf unten stattfinden. Da sind unsere Sitze schon beinahe ideal. Auf der Fahrt zum Frankfurter Hauptbahnhof fangen die ersten an zu meckern. Peter, Topo und meine Wenigkeit beklagen die trockene Luft im Bus. Und die Aussichten sind hart an der Grenze: Bier gibt´s erst, wenn Manu zugestiegen ist. Liebe Taunus Adler: Wenn Ihr tatsächlich zum Teil schon seit 5.30 Uhr unterwegs wart, wie habt Ihr das nur so lange ohne Grundnahrungsmittel aushalten können? Und so richtig grausam wird das ganze, wenn man im komplett nüchternen Zustand irgendwelche hochgradig sexistische und männerfeindliche Lieder von irgendeiner Göre (oder Möhre) über zu kleine Wasauchimmers anhören muss, Machwerke, die schon bei anderthalb Promillen nur mit weiterem Nachschub in der Hand gerade mal halbwegs erträglich sind. Aber ist ja Karneval. Also Augen zu und durch.

Kaum verlässt der Doppeldecker den Bussteig an der Hauptbahnhof-Südseite, steht Thommy mit einem halbvollen Kasten am oberen Treppenabsatz. Lebensretter! Das erste Krombacher zischt wie Abbelsaft. Und als dann kurz vor Aschaffenburg Snjezana auch noch den versprochenen Kruškovac (schreibt man das so, Snjez?) auspackt, ist die viel zu lange Trockenphase zu Beginn der Fahrt schon wieder fast vergessen. Bei weiterhin karnevalistischer Musikauswahl, unterbrochen nur durch eine kurze Büttenrede über Bordmikro, rollt der Bus weiter Richtung Nürnberg. Auf einem Rastplatz kommen wir mit ein paar Holländern ins Gespräch, die gerade auf den Weg in den Skiurlaub sind. Ohne Wohnwagen. Ich glaube, ich muss ein paar Klischees in meinem Kopf etwas überdenken. ;-)

Rast bei einem bekannten schottischen Spezialitätenrestaurant in Greding kurz hinter Nürnberg. Einige schlagen ganz schön zu. Und ich mache mir so meine Gedanken: Sollte man sich wirklich bei jeder Runde mit einladen lassen, selbst aus finanziellen und für jedermann auch nachvollziehbaren Gründen nie etwas ausgeben, aber dann vor allen Leuten für einen Betrag bei Mäckes spachteln, der selbst mein Reisebudget um diese frühe Uhrzeit bereits an den Rand der Flatline gebracht hätte? Immerhin: Für die nächste Fahrt wurde eine Runde versprochen. Ich werde drauf zurück kommen. ;-)

Die Restfahrt nach München verbringt der ganz harte Kern der Orscheler am Fuß der Treppe. Es soll der gemütlichste Teil der ganzen Tour werden: Direkt an der Getränkequelle, dazu passende (sic!) Konversation. Eigentlich kommen wir viel zu früh am Ziel unserer Fahrt an. Uli macht uns über Bordmikro auf das aufgeblähte Schlauchboot zu unserer Rechten aufmerksam. Es ist kurz nach eins, als wir den Busparkplatz an der Arroganz Arena ansteuern.

Leider ist es zu spät für einen ersten Besuch der Innenstadt. Also bleiben wir auf dem Parkplatz. Da Manus Getränkemarkt auch weiterhin geöffnet hat, fällt das Warten nicht allzu schwer. Und ein paar Meter weiter steht ein Ausschankwagen, an dem wir uns später schadlos halten. Hier gibt´s auch erste Kontakte zu Bayern-Anhängern (Ich weigere mich, in Zusammenhang mit diesem Verein den Begriff „Fans“ zu gebrauchen). Und sofort bekommt man wieder all das vor Augen geführt, was man an dieser Spezies so abstoßend findet. Frei nach dem Motto „wie der Herr, so´s Gescherr“ legen diese Vögel eine in ihren Ausmaßen fast schon Hoeness-Dimensionen erreichende Überheblichkeit und Arroganz an den Tag, dass einem direkt die Spucke wegbleibt. Und das Schlimme: Diese Truppe kam mit dem Bus aus Nordhessen. Doch unserer guten Stimmung tut diese erste Begegnung keinen Abbruch. So ist das halt, wenn man es mit einem Verein ohne Fans zu tun hat.

Im Schlauchboot herrscht im Gästebereich (aber auch nur da) schon gute Stimmung, als ich kurz vor Anpfiff rein komme. Schnell noch ein Bier und eine „Leberkassemml“ geholt und ab in den Block. Denkste! Ein Ordner hält mich auf: „Sorry, kein Zutritt zu den Blöcken mit Speisen und Getränken.“ Wie bitte??? Was soll denn der Schwachsinn? Meine Leute stehen zwei Meter vom Blockeingang entfernt auf ihren Plätzen, und ich darf nicht zu ihnen, weil ich etwas konsumiere, was dem Arena-Betreiber doch Geld bringt. Logik in Stoiberland. Es entwickelt sich ein Gespräch mit den drei Ordnern am Eingang. Alle drei sind sich einig: „Diese Anweisung ist der größte Schwachsinn! Aber wir müssen sie umsetzen.“ Scheinen absolut vernünftige Leute zu sein. Immerhin lassen sie uns vom Blockeingang aus das Spiel sehen, während wir essen und trinken. Sie hätten uns ja auch schon drei Meter weiter hinten ohne Blick auf das Spielfeld abfangen können. Im Minutentakt kommen Eintracht-Fans rein mit Getränken und Brezeln in der Hand. Immer das selbe Spiel: Kein Zugang, leider. So mancher ist darüber ziemlich aufgebracht. Ich versuche zu vermitteln: „Leute, die armen Schweine hier können nichts für die Anweisungen, die sie bekommen. Diejenigen, die das zu verantworten haben, sind nicht hier. Also ist es das wirklich wert, jetzt die Konfrontation zu suchen?“ Mit Erfolg: Die Leute beruhigen sich. Endlich kann ich zu den anderen. Doch weil wir ganz in der Nähe stehen, bekomme ich immer wieder mit, wie es hitzige Diskussionen um diese grenzdebile Anweisung gibt. Also greife ich des öfteren ein. Und es scheint wirklich so zu sein, dass sich die Lage schnell beruhigt, wenn jemand aus den eigenen Reihen vermittelt.

Inzwischen steht es 1:0 für die Bazis. Oka hatte schon ein paar Mal in höchster Not retten können, aber gegen Guerrero, der nach einem schlimmen Fehlpass allein vor ihm auftaucht, kann auch er nichts mehr ausrichten. Die Eintracht ist hoffnungslos unterlegen. Trotzdem ist der Support mal wieder unglaublich! Eines der Highlights ist das inzwischen schon zum festen Bestandteil unseres Supports gehörende Pippi-Langstrumpf-Gehüpfe, bei dem auch diesmal wieder alle Eintracht Blöcke mitgemacht haben. Und urplötzlich fällt doch tatsächlich der Ausgleich: Preuß hämmert einen Seitfallzieher von der Fünfmeterlinie unter das Dach des Bayern-Tores. Ekstase pur! Heute geht was! Wir können hier was reißen! Wir sind dran! Wir werden die erste Mannschaft sein, die den Bayern hier Punkte abnimmt! Wir --- liegen 1:2 zurück. Ballack. Keine Minute nach dem Ausgleich. Saudämlich! Aber da fehlt es halt noch. Und mal ehrlich, der Ausgleich war schon sehr glücklich. Plötzlich Ärger im Block. Aufgebrachte Frankfurter beschweren sich bei den Ordnern über ein paar Bayern, die nach dem 2:1 Stunk im Block gemacht haben. Die Ordner fordern Polizei an. Die kommt in den Block, und sofort gehen die Rufe rund um den Blockeingang los: „Scheiß Bullen!“ „Keine Polizei im Block!“ „Bullen raus!“ Ich versuche energisch den Leuten klar zu machen, dass die Polizisten gekommen sind, um ein paar Pöbel-Bayern rauszuholen. Sofort sieht man beschwichtigende Gesten der eben noch brüllenden Frankfurter, und alles beruhigt sich ganz schnell. Als ich mich wieder dem Spiel zuwende, fällt gerade das 3:1. Wieder durch Guerrero. Tja, das war´s dann. Lasst uns einfach noch ein bisschen feiern und eine weitere Support-Demonstration abliefern!

Halbzeit. Schnell raus ein Bier holen. Und weil ich eh wieder nicht vorbei darf, komme ich mal wieder mit den Ordnern ins Gespräch. Die erzählen mir, dass es in München offenbar einen rotierenden Ordnungsdienst gibt. Jedenfalls sagen alle drei, noch nie zuvor im Gästeblock eingesetzt gewesen zu sein. Man habe sie im Vorfeld vor den Frankfurtern heftigst gewarnt. „Aber was ihr hier veranstaltet, ist schon positiver Wahnsinn!“ Letzteres hört man natürlich gerne!

Zweite Halbzeit. An den Kräfteverhältnissen auf dem Platz ändert sich zunächst nichts. Irgendwann macht auch Ballack (warum ist der eigentlich so beliebt unter den Fußball-Kiddies? Etwas überheblicheres gerade gegenüber den Fans hat es in Deutschland ja noch nie gegeben!) sein zweites Tor. Eine Viertelstunde vor Schluss hören die Bayern auf mitzuspielen. Hieraus ergeben sich einige gute Möglichkeiten für uns. Du-Ri hat zwei, Meier eine dritte, und endlich gelingt Alex Meier noch ein Tor. „Nur noch“ 2:4! Und wie reagiert die Frankfurter Kurve? „Auswärtssieg! Auswärtssieg! Auswärtssieg! Auswärtssieg!“ Sensationell!!! Dass wenig später auch Pizarro noch eins draufpackt, wird nur noch registriert. Und kaum einer in der Frankfurter Kurve ist ernsthaft enttäuscht. Sicher, die Mannschaft hat einige stümperhafte Fehler gemacht und die Bayern teilweise zum Toreschießen eingeladen. Aber es ist doch besser, solche Fehler passieren in einem Spiel gegen einen übermächtigen Gegner als zum Beispiel nächste Woche gegen Wolfsburg. Und wer hätte wirklich erwartet, hier wäre was zu holen?

Trotz der Aufforderung an die Frankfurter Fans, nach dem Spiel noch im Block zu bleiben, strömen die Massen Richtung Ausgang. Und keiner hindert sie daran. Es herrscht auch keine aggressive Stimmung. Bunt gemischt geht es Richtung Busparkplatz. Den ganzen Weg über frotzeln sich Münchener und Frankfurter locker an. Die üblichen Zurufe fliegen hin und her. Aber von Aggressionen nicht der Hauch einer Spur. Doch urplötzlich ist es mit dieser Atmosphäre vorbei.

Zehn Meter halbrechts vor uns wird ein Gesang angestimmt. Wir trauen beinahe unseren Ohren nicht: „Wir bauen eine U-Bahn von Frankfurt bis nach Auschwitz...“ Die erste Reaktion ist konsterniertes Schweigen. Wer singt so eine abgrundtief widerwärtige Scheiße? Es ist eine Gruppe junger Bayern-Anhänger, etwa zwanzig Jahre alt. Einer trägt ein Trikot von Ze Roberto, ein anderer eins von Lucio. Sehr aufschlussreich. Der erste Schock weicht heftiger Wut. Du gehst mit solchen Dingen auf eigene Art um, wenn du selbst auf irgendeine Weise betroffen bist. Und wenn du in deinem Umfeld Personen hast, von denen du weißt, dass für sie vor siebzig Jahren genau das mit dem Gesang Gemeinte grausame Realität geworden wäre, und du dir das bewusst machst, geht dir so etwas ganz gehörig an die Nieren. Heftige Drohungen werden in Richtung dieser braunen Drecksschweine ausgestoßen. Und angesichts der massiven Frankfurter Präsenz sind diese Flachpfeifen plötzlich mucksmäuschenstill. Ich bin sicher, der nächste, der irgendein Stichwort in der besagten Richtung geliefert hätte, hätte es ganz, ganz bitter bereut.

Ich weiß nicht, wie es Euch geht. Klar habe ich gewusst, dass es diesen Gesang gibt. Und ich kenne auch die Zusammenhänge gerade mit Eintracht Frankfurt. Ich fahre seit fast zehn Jahren auf Auswärtsspiele. Aber nirgends, nirgends wurde ich bisher persönlich mit diesem menschenverachtenden Lied konfrontiert. Weder in Zwickau, noch in Cottbus, weder im Ruhrpott, noch selbst in Offenbach. Ich habe keine Ahnung, was diese widerwärtigen Subjekte mit diesem Gesang zum Ausdruck bringen wollten. Sollte das etwa lustig sein? Wenn das der Beweggrund war: Wie um alles in der Welt kann man derart abgestumpft sein? Oder war es einfach pure Gedankenlosigkeit? Auch das ist für mich nicht akzeptabel. So viel Hirn zu benutzen sollte jeder Mensch gewillt sein. Was auch immer diese geistigen Amöben geritten haben mag: zu entschuldigen ist eine derartige Entgleisung in keinster Weise! Und manchmal fällt es einfach schwer, nicht im richtigen Moment das Falsche zu tun. Die Welt ist nicht nur schwarz und weiß. Das ist mir am Samstag einmal mehr bewusst geworden.

Es fällt schwer, nach so einer widerlichen Begegnung zum Spaß einer lustigen Auswärtsfahrt zurückzukehren. Auf dem Weg in die Innenstadt hilft dabei der Fund der berühmten Nadel im Heuhaufen. Es gibt ihn wirklich, den Bayern-Anhänger, der nicht von irgendwoher anreist, um ein Spiel „seines“ FCB zu sehen, sondern in München selbst lebt, wo es sonst nur 60er-Fans gibt! Und ich habe ihn gefunden. In einem U-Bahnwagen voller Frankfurter. Es ist das einzige wirklich angenehme Aufeinandertreffen mit einem Bayern-Anhänger des ganzen Tages. Bezeichnend ist eigentlich, dass er wohl höchstens dreizehn Jahre alt ist. Sein kleiner Bruder war zum ersten Mal im Stadion dabei. Und beide sind ebenfalls hellauf Begeistert von unserer Fan-Performance.

Am Marienplatz geht´s wieder an die Oberfläche. Die Suche nach dem „Weißen Brauhaus“ ist nur von kurzer Dauer, da es tatsächlich direkt um die Ecke liegt. Die meisten aus unserem Bus sind schon da. Auch Steve und Ronnie treffen bald ein, so dass einem gepflegten Absturz eigentlich nichts mehr im Wege stehen sollte. Erst recht, als bereits kurz darauf die ersten Mass-Krüge vor uns auf dem Tisch stehen. Leider wird unsere Gruppe schon bald wieder gesprengt. Irgendwie waren für uns zu wenige Tische reserviert. Uli, was war da los? Hat da etwa die bajuwarisch-hessische Kommunikation nicht gepasst? Oder haben die das mit Absicht gemacht, um die Saupreiß´n, die hessischen, zu schikanieren? In jedem Fall bin ich sicher: Deine Schuld war´s nicht! Oder doch? ;-)

Thommy und ich landen an einem Vierertisch mit einem Pärchen aus England. Irgendwann ergreift Thommy die Flucht und verzieht sich zur Schneider-Sippe an den Tisch. Das wiederum missfällt der Bedienung, die doch reichlich ungehalten nach Thommys Verbleib fragt, als sie mir meine noch nicht ganz vollständig verzehrte Schweinshaxe unter Messer und Gabel wegzieht, frei nach dem Motto: Für euch Supreiß´n, euch hessische, müsste es eigentlich grundsätzlich ohne Abendessen ins Bett gehen. Ich weise die Gute darauf hin, dass Thommy keine fünf Meter weiter sitzt, was sie mit den Worten abdampfen lässt: „Also den kassier ich jetzt sofort ab!“

Ich schließe mich in Vorfreude auf die zweite Mass dem besagten Tisch an. Die Stimmung steigt wieder, und der Alkohol wirkt. So gegen viertel nach neun beschließen wir, die Schneiders noch mal auf einen Sprung um die Ecke ins „Paulaner“ zu begleiten. Hier treffen wir auf die ersten Bayern-Anhänger, die wir seit dem Aussteigen aus der U-Bahn mitten in München zu sehen bekommen. Auch das sehr bezeichnend. Und wieder wird die schon gewohnte Arroganz und Überheblichkeit zur Schau gestellt. Einfach zum Kotzen, diese Pseudo-Fans.

Rechtzeitig (jawohl: rechtzeitig! Zumindest nach gefühlter Zeit ;-) ) machen wir uns auf den Weg zurück zum Bus an der Arena. Etwaige Verspätungen unsererseits gehen voll und ganz auf die Kappe des U-Bahn-Fahrers. Der hatte beim Ankündigen der nächsten Station jedes Mal so etwas in der Stimme, das sich anhörte wie: „Ich sorge schon dafür, dass ihr Frankfurter da hinten zu spät zu eurem Bus kommt.“ Will das etwa jemand bezweifeln? Kurz vor der Station Fröttmaning ein ungeduldiger Anruf von Uli bei Thommy: „Kommt endlich bei!“ Uli scheint wirklich angefressen. An dieser Stelle mal ein ehrliches Sorry für die Verspätung. Wir geloben Besserung! ;-)

Auf der Rückfahrt holt mich noch mal das nach dem Spiel vor der Arena Erlebte ein. Ich spreche lange mit Najim und Axel darüber. Es ist einfach unfassbar, was auf dieser Welt für Gesocks rumläuft. Hinter Nürnberg schweifen meine Gedanken endlich ab, und ich habe ganz für mich allein plötzlich eine Vision:

Wir haben das Jahr 2010. Seit dem vermeintlichen Supergau des europäischen Fußballs, als sich mit Real, Barca, Juve, Milan, Inter, ManU, Chelsea und Bayern die acht europäischen Top-Clubs aus ihren jeweiligen nationalen Ligen zurückgezogen und eine eigene, weitgehend geschlossene (immerhin kann man sich bei entsprechender Finanzkraft einkaufen – Schalke hatte das im Vorjahr versucht, sich dabei jedoch endgültig finanziell übernommen) Superliga mit jeweils drei Hin- und Rückrunden pro Saison gegründet haben, sind bereits zwei Spielzeiten vergangen. Die Superliga floriert, Sponsoren- und TV-Einnahmen stimmen, nur die Zuschauerzahlen waren zuletzt nicht mehr ganz so hervorragend. Wer schaut sich schon das sechste Heimspiel gegen Juve innerhalb von 24 Monaten an, wo doch die billigste Karte (natürlich Sitzplatz) nicht für unter 50 Euro zu haben ist. Auch die Atmosphäre im Stadion hat mit der gewohnten Fußballstimmung nicht mehr viel zu tun. Es geht ja nur um den Titel des Supermeisters, ein Muster ohne Wert, hat doch die UEFA den Abtrünnigen die Tür zur Champions-League versperrt, nachdem die acht Vereine bei Gründung ihrer Liga auch an diesem Wettbewerb kein Interesse mehr gezeigt hatten, sondern im Gegenteil sogar in Konkurrenz dazu getreten sind. Aber ansonsten sind alle rundum zufrieden. Sicher, das Fernsehen ist nicht wirklich glücklich über die Tendenz in Sachen Einschaltquoten. Die sind nach der ersten Hin- und Rückserie der zweiten Saison in allen vier Ländern ständig leicht aber stetig gesunken, obwohl die Spiele TV-gerecht am Samstagabend um 20.30 Uhr ausgetragen werden. Inzwischen überlegt man sogar, die letzte Doppelrunde durch eine Art Playoff-System nach dem Modus „best of seven“ zu ersetzen, so dass selbst die Mannschaft, die am Ende der beiden ersten Doppelrunden vielleicht abgeschlagen am Tabellenende liegt, noch ins Rennen um die Supermeisterschaft eingreifen kann.
In Deutschland interessiert die Superliga immer weniger Fans. Schließlich spielen in der ganzen Liga nur fünf Deutsche mit, drei davon bei den Bayern. Die Bundesliga hingegen hat eine erstaunliche Entwicklung genommen. In beiden Jahren war die Entscheidung um die Meisterschaft erst am letzten Spieltag gefallen. Natürlich stehen noch immer Vereine wie Bremen, Leverkusen, Hertha, Stuttgart und im ersten Jahr (bis zu ihrem erfolglosen Superliga-Versuch) auch Schalke ganz weit oben. Doch in beiden Jahren lagen zwischen dem Meister und dem Tabellenletzten nicht mehr als zwanzig Punkte. In diesem Jahr hatte selbst ein Team, das am viertletzten Spieltag auf Rang 16 lag, noch eine minimale Chance auf das Erreichen des UI-Cups.
Und die Ausgeglichenheit der Liga macht sich bezahlt: Die Stadien sind so gut besucht wie vor dem Ausstieg der Bayern. Bei vielen Vereinen ist der Schnitt sogar gestiegen, weil sich mehr Teams auf Augenhöhe begegnen und so für Spannung jederzeit gesorgt ist. Das kommt natürlich auch der Atmosphäre zugute, was wiederum positiven Einfluss auf den Logenverkauf hatte (Zitat eines Logenbesuchers in Frankfurt: „Die Stimmung, die die Fans dort drüben machen, ist schon beeindruckend. Das erhöht die Freude am Spiel für mich noch mal. Bei den Bayern mögen die Häppchen und das Spiel ja vielleicht besser sein. Aber ohne die Gesänge aus der Fankurve ist der Besuch in der Allianz-Arena vom Happening her vergleichbar mit einer Vernissage. Da bekommt man hier wesentlich mehr geboten. Und ganz so schlecht sind die Häppchen ja auch nicht.“). Und die Bayern scheinen auch niemandem wirklich zu fehlen, wie die Aussage eines Frankfurter Fans unlängst belegt: „Was geht uns denn ab ohne die Bayern? Ein ausverkauftes Stadion pro Saison? Auf die Leute, die nur zu diesem Spiel ins Stadion gekommen sind, weil eben die Bayern da waren, kann ich sehr gut verzichten!“ Der einzige spürbare Nachteil scheint derzeit in deutlich gesunkenen Fernsehgeldern zu liegen. Doch in diesem Punkt könnte es schon bald wieder aufwärts gehen: Die Quoten sind wegen der Ausgeglichenheit der Liga so unerwartet gut, dass der demnächst neu abzuschließende TV-Vertrag für die nächsten Jahre den Vereinen sicher deutlich mehr Geld einbringen wird als der auslaufende. Das wird zwar sicher noch nicht so viel sein wie bei dem aus dem Jahre 2006.Aber die Tendenz wird bei allen Vereinen flächendeckend positiv zur Kenntnis genommen.
Eine ähnliche Entwicklung haben übrigens auch die Ligen der anderen betroffenen Nationalverbände genommen. Vor allem in England boomt die Premiere League, und auch die Serie A hat davon profitiert, dass die letzten beiden Meister nicht aus Mailand oder Turin kamen.
Ein Fazit nach zwei Jahren Superliga: Die früheren G8-Vereine haben sich mit ihrer Abspaltung von ihren nationalen Ligen schwer verkalkuliert. Und es hat sich bewahrheitet: Die Bundesliga braucht die Bayern nicht. Eher brauchen die Bayern die Bundesliga.

Als ich mit diesem Gedankenspiel fertig bin, fährt unser Bus gerade die Bushaltestelle Richtung Bad Homburg am Orscheler Bahnhof an. Ich glaube, so etwas nennt man Punktlandung.
Ein Riesendankeschön an Uli, Manu, Axel und ihre Mitstreiter von den Taunus Adlern, die uns diese wieder einmal unvergessliche Auswärtsfahrt organisatorisch erst ermöglicht haben. Wir alle wissen, wie viel Aufwand dahinter steckt, eine solche Tour auf die Beine zu stellen! Und es macht jedes Mal aufs neue einen Riesenspaß, mit Euch unterwegs zu sein. Ich freue mich schon aufs nächste Mal. Und dann auch ohne Verspätung! ;-)

Nachtrag:
Am Dienstag nach der Fahrt erreicht unsere Orscheler Mitfahrer eine kryptisch anmutende E-Mail von Thommy: „Wer zum Teufel ist eigentlich Gaby ? Meine Frau zeigte mir eine SMS von einer gaby geschrieben von meinem Handy.“
Dazu kann ich nur so viel sagen: Die Antwort auf diese Frage liegt irgendwo in München im „Weißen Brauhaus“. Und eventuell vielleicht noch in der Person des Adressaten. Zur Beruhigung aller ehemaligen Brunnenköniginnen, die mit Mitgliedern unseres EFC verheiratet sind, kann ich jedenfalls feststellen: Meines Wissens war weder eine Gaby im Bus dabei, noch sind wir an diesem Tag je einer begegnet. Ich erinnere mich dunkel, dass der Name fiel, weil irgendwer irgendwem mit dieser sms einen Streich spielen oder eine Nuss zu knacken geben wollte.
Doch vielleicht sollten wir die ganze Geschichte einfach als eines der großen Mysterien in der Geschichte unserer sensationellen Auswärtsfahrten verbuchen...


Orschel Eagle’s Tales from the Road


„Zahnloser Wolf“ oder „Mensch Meier“


„Schimanski!“
Mit einem Schrei wache ich auf. Sehr langsam lassen sich die Gedanken sortieren. Okay. Tatort-Kommissar bin ich schon mal nicht, Götz George ist auch nicht in der Nähe. Was hatte dieses lautstarke Ende eines mir überhaupt nicht in Erinnerung gebliebenen Traumes also zu bedeuten. Ein Blick auf den Wecker: 9 Uhr. Ein Blick auf den Kalender: Sonntag, 16. Oktober 2005. Nochmal: Was habe ich gerade gebrüllt? Schimanski? Der ermittelt doch in Duisburg, oder? Mensch, na klar: DUISBURG! Aber wieso 9 Uhr? Ach ja, wir fahren ja schon um 11 Uhr in Bad Homburg los! Nichts wie raus und Kaffee kochen. Der Tag verspricht mal wieder, lang und nervenaufreibend zu werden. Da will eine gute Grundlage gelegt sein.

Szenenwechsel. Bad Homburg Bahnhof, 10.45 Uhr. Am Bahnsteig treffe ich beim Aussteigen Andy und Heiko. Das EFC-Banner habe ich auch dabei. Also ab zum Bus. Irgendwie hängt mir dieser äußerst verwirrende Start in den Tag immer noch nach. So begrüße ich Felix per Handschlag – und frage keine halbe Minute später, wo er denn wieder wäre. Sorry, Felix, war echt nicht bös gemeint! Aber irgendwie kommt mein Kopp nicht so recht auf Touren heute. Die Zeit vergeht. Waldemar kommt wie üblich auf den letzten Drücker angerauscht. Seinen Ruf wird er spätestens seit der Cottbus-Rückfahrt endgültig nicht mehr los (welcher Ruf? Siehe dort!). Ein nicht näher zu benennendes Mitglied unserer Truppe ergreift panikartig die Flucht, als ihm/ihr klar wird, dass Waldemar noch nicht eingestiegen ist, und neben ihm/ihr der freie Platz wohl an diesen gehen würde.

Doch die „Flucht“ war für diesmal voreilig. Waldemar hat an diesem Tag andere Sorgen. Ihm wurde in der Woche zuvor ein Weisheitszahn gezogen.
„Zum Glück ist die Backe nicht mehr so dick wie noch die letzten Tage!“ So wie er da sitzt, kann er einem heute schon richtig leid tun. Aber nur kurz! Nämlich so lange, bis die erste Bierrunde ausgegeben wird. Jeder freut sich – nur Waldemar schimpft mürrisch:
„Jetzt hört doch mit der Sauferei auf!“
Wie bitte??? Es ist schon bald Mittag, und wir öffnen gerade unser erstes Bier (auf dem Weg nach Cottbus waren wir damit schon sechs Stunden früher beschäftigt – auch Du Waldi!), da sollen wir schon wieder aufhören??? Wenn ich jetzt mein Zahnarzt-Zubehörset [Alternativvorschläge meines Rechtschreibprogramms: Zahnarzt-zubehörstet, Zahnarzt-Zubehörsjet, Zahnarzt-Zubehörsekt, Zahnarzt-Zubehörjet, Zahnarzt-Zubehörsee – ohne Worte] aus dem Teleshop dabei hätte, würde ich ihm für diese Aufforderung glatt einen weiteren Weisheitszahn rausholen. Doch so bleiben denn kommentarlos grinsend Waldemar seine restlichen Weisheitszähne und mir mein erstes Bier für heute erhalten. Hey: Eine Win-Win-Situation, wie der Wirtschaftswissenschaftler zu sagen pflegt! Wenn das kein gutes Omen fürs Spiel ist!

Snjezana verteilt indessen ihre Pepsi light:
„Ist ja schon schlimm genug, dass die keine Cola an Bord haben, aber das dann auch noch light. Brrrr!“
Und man muss ihr recht geben: Bereits ein Schluck von dem Zeug schmeckt kurz widerlich süß, um dann einen ekelhaften Nachgeschmack zu hinterlassen, der von Niedernhausen bis Montabaur anhält. Das lässt sich nur mit Bier bekämpfen!

Übrigens: Was haben Montabaur und Texas gemeinsam? Nun, Montabaur ist nicht in Texas – und Texas ist nicht in Montabaur. Zumindest nicht pünktlich. So langsam erklärt sich die frühe Abfahrtszeit mal wieder ganz von selbst. Doch die Zeit wird genutzt: Der ICE- Bahndamm wird mal eben „unterspült“, Erinnerungsfotos geschossen, und Waldemar ist inzwischen dann doch wieder ganz der Alte. Er will Friedhelm Funkel am besten noch heute los werden. Und er hat jede Menge Argumente. Ist ja schließlich unser Waldi!

Endlich geht es weiter. Inzwischen hat sich eine junge Dame nach vorne gesellt. Felix hat mit ihr den Platz getauscht, und darüber ist niemand glücklicher als Torsten. Der strahlt über beide Ohren, weil er jetzt eine so charmante Sitznachbarin hat. Aber die habe ich ja an diesem Tag auch! Nur meine schlägt mich mehrfach, obwohl ich doch die ganze Fahrt über ganz brav bin! Eine weitere Pause wird auf einem Rasthof in NRW eingelegt. Eine Schulklasse aus Freiburg hat sich dort ebenfalls niedergelassen. Die Mädels sitzen aufgereiht auf der Bordsteinkante, die Jungs spielen so eine Art Fußball. Also, Breisgau-Brasilianer werden die nie!

Nach kurzer Rundfahrt durch Duisburg (eine der vielen austauschbaren Ruhrpottstädte) nähern wir uns endlich der MSV-Arena, kommen an – fahren vorbei. Die Polizei fordert uns auf, unseren Bus gaaaaanz weit dort vorne abzustellen. Also steht ein längerer Fußmarsch an, an dessen Ende wir einmal mehr mit Fußballdeutschland ein Jahr vor der WM konfrontiert werden: Eine Reihe Polizisten verweigert uns den Zugang zum Biergarten. Die Fangruppen müssten unter allen Umständen getrennt werden, lässt man uns wissen. Außerdem sei das Anweisung von oben. Schwindelanfälle vom endlosen Kopfschütteln. Adler und Zebras waren einmal sehr gut miteinander befreundet. Gut, die Freundschaft ist nicht mehr so eng wie vor fünfzehn, zwanzig Jahren. Aber es gibt weiß Gott Fangruppen, die sich weniger gut leiden können als diese zwei.

So bleibt uns nichts anderes übrig, als zwei Stunden vor Spielbeginn (!) in den Block zu gehen, wenn wir noch was trinken wollen. Immerhin können wir uns so die besten Plätze im Block sichern. Ich besorge Snjezana die zuvor im Bus versprochene richtige Cola. Dabei erfahre ich vom Verkaufspersonal derart Unglaubliches, dass es mir fast die Schuhe auszieht: Der Verkaufsstand im Gästebereich verkauft nur alkoholfreies Bier --- als einziger Stand im ganzen Stadion. Mit anderen Worten: Jeder Heimfan kann sich die Rübe vollkippen wie er will. Kurze Frage: Dreieinhalbtausend Frankfurter glaubt man mit Alkohol nicht unter Kontrolle halten zu können, gut doppelt so viele Duisburger vergleichbaren Kalibers hingegen schon. Logik??? Sinn??? Fragt nicht danach! Ich habe aufgehört zu suchen.

Ich begebe mich Richtung Toiletten (die doch tatsächlich sogar im Gästebereich in ausreichender Anzahl vorhanden sind!). Kurz nach mir stürmen drei Polizisten in voller Kampfmontur ebenfalls herein. Du meine Güte, muss das dringend gewesen sein! Ich gehe wieder hinaus – und laufe vor der Tür Sandra in die Arme. Die Gute hat dort offenbar auf mich gewartet. Irgendwie macht sie ein erleichtertes Gesicht:
„Ich hab gesehen, wie du da rein bist, und kurz hinter Dir die drei Polizisten. Ich dachte schon jetzt würden sie dich auch noch kassieren.“
„Mich???“
Hmmm, ich benehme mich doch eigentlich immer ganz vorbildlich, oder? Na ja, gut, vielleicht nicht gerade vorbildlich. Aber ich denke, bis ich mal tatsächlich Probleme in dieser Hinsicht kriege, muss schon einiges passieren! In jedem Fall ganz herzlichen Dank, Sandra, dass Du Dich so um Deine Leute kümmerst!!! Das muss wohl der Mutterinstinkt sein, oder? ;-)

Zum Dank nehme ich Sandra und die Busjugend mit zu unseren Plätzen, die von der Sicht her deutlich besser sind als die, auf denen sie vorher standen. Inzwischen füllt sich die wirklich ansehnliche Arena so langsam mit Menschen. Als die Mannschaft den Platz zum Aufwärmen betritt gibt der Block die Parole für das Heutige Spiel aus: „Auswärtssieg! Auswärtssieg! Auswärtssieg!“ Der Gästebereich ist unterdessen bereits gut gefüllt. Und es sind wie immer alles vertraute Gesichter. Die Mannschaften ziehen sich noch mal in die Kabinen zurück, erneut begleitet von diesem kämpferischen „Auswärtssieg! Auswärtssieg! Auswärtssieg!“.

17.30 Uhr. Die Teams stehen bereit. Francisco Copado, der so vehement von den Fans gefordert worden war, darf endlich einmal von Beginn an ran. Anpfiff. Die Zebras legen los wie die Feuerwehr. Bereits nach neun Sekunden (!) muss der wiedergenesene Oka einen nicht ungefährlichen Flachschuss zur Ecke parieren. Bis etwa zur zehnten Minute haben die Duisburger noch zwei Gelegenheiten der allerdings eher ungefährlichen Sorte. Kurz darauf – die Eintracht hat längst das Spiel an sich gerissen, ohne jedoch wirklich Chancen herauszuspielen – hat Rehmer Glück, dass seine textilen Annäherungsversuche an MSV-Stürmer Kurth nicht mit einem Elfmeterpfiff enden. Im Gegenzug steht plötzlich Alex Meier (der von uns) frei vor MSV-Keeper Koch – und versemmelt leichtfertig. Kollektives Aufstöhnen: Geht das schon wieder los? Doch nur wenige Minuten später ist die Fassungslosigkeit vorübergehend exstatischem Jubel gewichen. Alex Meyer (diesmal der von denen) verliert den Ball gegen den sich ihm mutig entgegenwerfenden Chris. Die Kugel kommt zu Amanatidis, der sie sofort Copado in den Lauf spielt. „Abseits“, ich bin mir sicher. Doch die Fahne bleibt unten, und Paco passt den Ball blitzgescheit quer durch den Fünfmeterraum zum am zweiten Pfosten völlig freistehenden Alex Meier (zur Abwechslung mal wieder der von uns), der nur noch den Fuß hinzuhalten braucht, um zum 0:1 zu vollenden. Das wird Norbert Meier (Mensch Meier, das ist ja heute hier die reinste Meierei) auf der MSV-Bank aber gar nicht gefallen! Der Gästeblock bebt. Bis zur Halbzeitpause muss Oka noch einmal in höchster Not retten, dann geht es zum ersten Mal in dieser Saison mit einer Führung in die Kabine.

Die Halbzeitpause verkürzt der Stadionsprecher auf seine ganz eigene Art. Sein Zebra-Steak vom Mittagessen war wohl nicht so ganz in Ordnung. Jedenfalls faselt er etwas von einem „Offensiv-Feuerwerk“, dass die Duisburger in der ersten Halbzeit abgebrannt hätten. Häääh??? Wann? Heute??? Und hier kommen auch schon die vielen hochkarätigen Torchancen der Zebras über die Videowände. All die großen Gelegenheiten, die sich die Duisburger so brillant herausgespielt haben. Wirklich alle! Alle beide!
Hmmmm. Offenbar verwöhnen die MSV-Kicker ihr Publikum normalerweise nicht mit so viel Offensiv-Power. (Ich bin mir durchaus bewusst, dass eine solche Aussage aus Frankfurter Mund definitiv ketzerisch ist. Ist mir aber auch egal. Schließlich bin ich kein Stadionsprecher!)

Was jedoch nach der Pause kommt ist in mehrfacher Hinsicht schlicht noch weniger zu fassen. Die Eintracht kombiniert und spielt mindestens eine Klasse besser als der MSV. Amanatidis spielt Pässe mit dem Außenrist, Ochs holt die aussichtslosesten Bälle, Chris spielt „Hacke-Spitze-eins-zwei-drei“ (wie es der stinksaure Duisburger Torwart Koch nach dem Spiel nennt). Spycher und Ochs lassen Gegenspieler mit herrlichen Körpertäuschungen ins Leere laufen, Vasoski gibt dem fallsüchtigen Marokkaner Ahanfouf nicht eine Gelegenheit zur Schwalbe. Und die Mannschaft spielt beste Chancen im Fünf-Minuten-Takt heraus. Ama trifft aus fünf Metern nur die Latte, scheitert wenig später mit einem Kopfball am glänzend aufgelegten Koch. Copados Schuss aus vollem Lauf nach Amas Traumpass landet ebnfalls am Aluminium. Chris scheitert aus kürzester Distanz an Koch. Und die Duisburger? Nun, sie sind um ihre Zuschauerplätze auf dem Rasen direkt zu beneiden. Doch das erlösende zweite Tor will einfach nicht fallen. Und in der Schlussphase verlegt man sich dann nur noch aufs Kontern. Der für den gefeierten Copado eingewechselte Cha ist längst kein Chancentod mehr – er vergeigt die Konter, noch bevor sie zu einer richtigen Chance werden können. Und im Block geht die Angst um, dass es doch noch schief gehen könnte und wir wieder nicht mit einem Dreier nach Hause fahren. Tatsächlich verhindert Spycher durch Handauflegen, dass Kurth eine Torchance bekommt, und der uns ausnahmsweise einmal eher wohlgesonnenen Schiedsrichter durch Unterlassen des durchaus möglichen Elfmeterpfiffs, dass die Zebras doch noch zum Ausgleich kommen. Und als dann nach 91 Minuten der Schlusspfiff erfolgt, ist der ersten Auswärtssieg seit Februar 2004 unter Dach und Fach.

Riesenjubel. Die Mannschaft wird gefeiert. Ganz besonders Oka und Paco! Wir haben die Rote Laterne abgegeben. Jetzt haben wir schon mal beide Mannschaften, die wir bislang schlagen konnten, hinter uns gelassen. Und am Samstag wird es Köln genauso ergehen!

Am Bus warten Ronny und Uli, beide mit der Fanbteilung unterwegs. Der Sieg wird gebührend gefeiert. Es dauert eine Weile, bis wir vom Parkplatz wegkommen. Und die Biervorräte sind auch schon komplett aufgebraucht. Jetzt schon??? Freunde, wisst Ihr eigentlich, wie schnell ein Mensch verdursten kann?

Das Tippspiel wird aufgelöst. Im Jackpot waren 75 Euro. Und Ich lag richtig! Zwölf andere leider auch, so dass der Gewinn in überschaubaren Dimensionen bleibt. Egal! „Auswärtssieg! Auswärtssieg! Auswärtssieg!“ hallt es immer wieder durch den Bus. Die Tombola steht an. Und Jenny, unsere Glücksfee neben Torsten, macht einen guten Job, auch wenn nach einer Weile Gesänge wie „Glücksfee, hol den Wettschein raus!“ und „Hoyzer, zieh die Maske aus“ zu hören sind.

Letzte Etappe. Wo ist eigentlich Waldemar? Oha, sein Kreislauf hat ein wenig schlapp gemacht. Er verkriecht sich eine ganze Weile in der Bustoilette. Als er wieder heraus kommt, sieht er wirklich bemitleidenswert aus. Aber das sind doch die wahren Fans! Weisheitszahn raus, und noch mit den Fäden im Zahnfleisch den Adlern hinterher. Allerehrlichsten Respekt, grauer Wolf

Ein „Zehn-Minuten-Stop“ an einer Raststätte wird zum einstündigen Aufenthalt, weil das Angebot von Burger King halt doch zu verlockend war. Mit der Weiterfahrt beginnt die Einstimmung auf das Köln-Spiel. Besonders die beiden Anti-Köln-Songs der Gladbacher Fan-Rockband B.O. (die heißen wirklich so, ich hab’s im Internet recherchiert) sorgen für glänzende Stimmung. Doch nicht bei allen! So mancher erinnert sich daran dass morgen Montag ist und er früh raus muss. So gibt es denn auch größere Unmutsäußerungen, als noch ein weiterer Zwischenstopp eingelegt wird.

Gegen halb zwölf erreichen wir wieder das Rhein-Main-Gebiet. Eine außerplanmäßige Rundfahrt durch die westlichen Frankfurter Stadtteile rundet diese wieder einmal äußerst amüsante Auswärtsfahrt ab. Als wir nach Mitternacht dann wieder Bad Homburg erreichen, bleibt uns eigentlich nur noch, einmal mehr den Alten Kameraden und besonders Sandra und Alex Kreißl für die Organisation ganz herzlich Danke zu sagen. War wie immer ein Riesenerlebnis!

Orschel Eagles Tales from the Road

„Worscht aus’m Wok und Döner Gebab“ oder „Alles L.O.G.O.“

Zwei Wecker haben nicht geklingelt! Sie hatten erst gar keine Gelegenheit dazu! Um 3.45 Uhr, eine Viertelstunde vor der eingestellten Weckzeit, halte ich es nicht mehr aus. Die Anspannung lässt an Schlaf überhaupt nicht mehr denken. Also stehe ich auf. Draußen ist es stockdunkel. Immerhin singen schon ein paar Vögel. Und verdammt, ich bin sicher, sie singen „Nie mehr zweite Liga!“ Als ob das meine Nervosität mindern würde!

Kaffee. Dazu ein belegtes Brötchen. Bei der Wahnsinnstour, die vor mir liegt, muss eine Grundlage einfach sein – und ist sie auch noch so gering. Zu allem Überfluss haben die Kasper von Premiere die Spieloption „Cottbus – Frankfurt“ noch nicht freigeschaltet. Super! Das vorentscheidende Spiel, und ich muss mit der Neuner-Konferenz vorlieb nehmen. Wiederholt werden auch nur die Konferenz und das zweite Top-Spiel Führt vs. Sechzig. Beides sogar je zweimal. Hallo??? Ein weiteres Mal belege ich meine nächste Abo-Zahlung mit einem Fluch: Möge den Premiere-Fuzzies im kommenden Monat alles nach Weißwurst schmecken!

Am Orscheler Bahnhof wartet schon die Vorhut der Taunus Adler. Uli begrüßt mich mit einem Früh Kölsch in der Hand – und dem in diesem Fall unvermeidlichen Kalauer (oder Calauer? Antwort später.). Jörg und Thommy treffen ein. Jörg hat mal wieder einem EFC-Fernfahrer Nachtasyl gewährt, bevor die Reise losgeht. Thommy hat seine ganz persönliche Auswärtsfahrt also schon Samstagabend begonnen: bei Jörg, vorm Video und mit vier Bier. Auf letzteres müssen wir jetzt erstmal noch warten. Unsere Vorräte lagern noch im Bahnhofsviertel. Um an sie heran zu kommen, brauchen wir noch Ronnie. Der erwartet uns in der S-Bahn. Und während der Tag langsam anbricht, rollt eine schlaftrunkene Hochtaunus-Fraktion durch das friedlich schlummernde Frankfurt dem organisierten Wahnsinn entgegen ...

Hauptbahnhof, 5.40 Uhr. Vier Orscheler ERCler marschieren schnurstracks ins Bahnhofsviertel, nicht etwa zu einem der einschlägigen Häuser (das heben wir uns für Hamburg auf! ;-) ), sondern vorbei an diversen noch immer gut besuchten Zockerkneipen direkt zu Ronnies Arbeitsplatz. Dort hat dieser bereits am Vortag unsere Getränkevorräte kalt gestellt. Und der Kühlschrank hat ganze Arbeit geleistet, was die Vorfreude auf das erste Bier nochmals zu steigern vermag. Auf dem Rückweg zum Hauptbahnhof kommt es zur ersten Begegnung der anderen Art für diesen Tag. Ein keinesfalls völlig zurechnungsfähiger junger Mann erklärt uns reichlich benebelt, er könne nicht mitfahren, weil er arbeiten müsse. „Ich würde aber samstags viel lieber ins Stadion gehen!“ WIR AUCH!!!

Um sechs Uhr ist es dann endlich soweit. Auf dem Bahnsteig an Gleis 16 werden die ersten Kronkorken entfernt, und ein erster Frühschoppen wird zelebriert – bei so manchem noch immer auf nüchternen Magen, gell, Thommy? Ronnie hat noch seinen Kollegen Robert aufgegabelt, der sich uns auch noch angeschlossen hat. Eine halbe Stunde später rollt der Sonderzug endlich ein. Auf dem falschen Gleis. Hektisches Gerenne ist die Folge. Trotz des Riesenandrangs gelingt es uns, einen Wagen nahezu komplett mit Orschelern, Taunus Adlern und Alten Kameraden zu besetzen. Gut, Thommy hat zu Beginn einen doch eher unbequemen Sitzplatz auf einem Bierkasten gefunden, während Waldemar, der am Hauptbahnhof zu uns gestoßen ist, die ersten Kilometer sogar stehen muss. Eine Gruppe Jugendlicher (sie haben sich inzwischen in unserem Gästebuch verewigt!) und eine Abordnung des Inferno Bad Schwalbach füllen den Wagen auf.

Vorbei an Niederrad, Gleisdreieck und Hundehütte rollt der Zug Fulda entgegen. Das Bier fließt stetig, die Stimmung ist bestens. Theo von den Alten Kameraden hat Waldemar inzwischen den Spitznamen „Grauer Wolf“ verpasst und zeigt sich bestürzt über dessen Familienzusammenstellung: „Was denn, Du hast auch noch eine Tochter???“ Der entsetzte Tonfall kann schriftlich leider zu unser aller Bedauern nicht entprechend wiedergegeben werden. ;-)

Inzwischen haben wir die alte Zonengrenze passiert. Vorbei an Eisenach, Erfurt und Weimar rollt der Zug durch überraschen blühende Landschaften (okay, das kann jetzt auch an der Jahreszeit gelegen haben!). Kurz hinter Leipzig dann der erste Bahnhof, auf dessen Bahnsteigen deutlich als solche erkennbare Energie-Fans stehen. Der Zug fährt im Schrittempo vorüber. Schwerer Fehler! Einige Bierflaschen fliegen durch die geöffneten Fenster auf die Cottbusser zu. Einer der Jugendlichen aus unserem Wagen soll einer der Werfer gewesen sein. Jedenfalls hat ihn einer der mitfahrenden Ordner von der Firma L.O.G.O. offenbar dabei beobachtet. Auf der Rückfahrt wird diese Angelegenheit noch massive Folgen haben ... Übrigens: Wenn der Kalauer tatsächlich aus Brandenburg stammt, muss man ihn konsequenterweise auch mit C schreiben! Der Ort zwischen Leipzig und Cottbus heißt nämlich Calau!

Als wir gegen 13.30 Cottbus erreichen, werden wir bereits von einer Hundertschaft Bereitschaftspolizisten aus Potsdam erwartet. Ganz langsam bewegt sich der Tross Richtung Stadion der Freundschaft. Die eineinhalb Kilometer lange Strecke führt vorbei an DDR-Plattenbauten der deprimierendsten Sorte. Auf zahlreichen Balkonen beobachten Einheimische den Frankfurter Aufmarsch. Ihnen schallt es entgegen: „Hurra, Hurra, die Frankfurter sind da!“ Und über allem schwebt drohend ein Helikopter.

Vor dem Stadion löst sich die Formation plötzlich auf. Die Polizisten sind plötzlich verschwunden und haben die Fans ganz sich selbst überlassen. Frankfurter und Cottbusser stehen bunt gemischt an den diversen Fressbuden hinter den Blöcken P und A (unserem Sitzblock). Man kommt ins Gespräch, locker, ohne jede Aggression, fast freundschaftlich. Die Bedienungen hinter den Theken gehören nicht zu den Schnellsten. Die Cottbusser kennen das schon. Immerhin, die Schnitzelbrötchen sind gut und relativ preiswert. Osten eben.

Wir gehen in den Block. Zwischen unserem Sitzplätzen und der Gästekurve liegt noch ein Cottbusser Stehblock. Wieder kommt man ins Gespräch:
„Und? Spielt euer Mokhtari jetzt oder spielt er nicht?“
„Denke schon.“
Er spielt natürlich nicht, sitzt noch nicht einmal auf der Ersatzbank. Die Zuversicht der Cottbusser ist groß. Trotzdem gönnt man uns den Aufstieg mehr als den Miezekätzchen.

Pröll kommt zum Aufwärmen raus. Am unteren Blockrand ist der Zaun gerade mal hüfthoch. Freier Blick aus allernächster Nähe. Phänomenal! Am Blockeingang tauchen nacheinander Charly Körbel, Bernd Hölzenbein und Peter Fischer auf. Offenbar sitzen wir im Gäste-VIP-Bereich. Die Vermutung wird zur Gewissheit, als auch noch die Aufsichtsräte Ober-Stromer Bernd Ehinger und Steven Jedlicki, der professionelle Geldverbrenner aus der Octagon-Ära, Platz nehmen. Es geht auf den Aufstieg zu! Die Ratten kommen wieder aus den Löchern!

Per Lautsprecher erfolgt eine Begrüßung auf polnisch. Das Einzugsgebiet von Energie ist offenbar doch größer als vermutet. Eine Begrüßung auf hessisch bleibt aus ... Es folgen die Aufstellungen „unserer Gäste von Eintracht Frankfurt“ und „unseres Fight Clubs“. Beängstigend! ;-)

Anpfiff. Und kaum zwei Minuten später erste Infos aus Fürth: 1:0 gegen die Sechziger. Erster zaghafter Jubel. Die Eintracht übernimmt derweil hier das Kommando, erspielt sich von Anfang an gute Torchancen. Nach einer knappen Viertelstunde erlöst uns Alex Meier mit einem schönen Heber über Torhüter Pipi (Kein Witz! So nennen ihn die Energie-Fans tatsächlich in ihrem Internet-Forum!) Piplica. Die Gästeblöcke explodieren. Der Ausgleich in Fürth wird zur Kenntnis genommen. Mehr nicht. Obwohl das zu diesem Zeitpunkt praktisch den Aufstieg bedeuten würde. Doch unser eigener Vorsprung ist noch zu knapp, um daran zu denken. Du-Ri hat zweimal die Chance, dies allein vor Piplica zu ändern. Doch irgendwie steht heute mal wieder der alte Du-Ri auf dem Platz, der frei vor dem Torwart die Panik bekommt und die besten Chancen versemmelt.

Zur Halbzeit sind wir oben: 1:0 für uns, 1:1 in Fürth. Für Cottbus sieht es aber nicht so gut aus: Essen führt in Ahlen. Sie brauchen also dringend noch einen Punkt. Ein Blick in den strahlend blauen Himmel verrät, dass man in Brandenburg den Wetterbericht wohl hinter der nahen Grenze vom benachbarten polnischen Wetterdienst bezieht. Das ganze offenbar auch noch gebraucht! 90 % Regenwahrscheinlichkeit? Über Cottbus lacht die Sonne – und wir lachen mit.

Mit dem Wiederanpfiff beginnt die Zitterpartie. Wir geben das Spiel aus der Hand, ziehen uns weit – zu weit – zurück, machen Fehler. München führt inzwischen mit 2:1 in Fürth. Der Ausgleichstreffer für Cottbus würde die Löwen in der Tabelle an uns vorbeiziehen lassen. Und dann hätten wir es am letzten Spieltag nicht mehr selbst in der Hand! Pröll rettet einmal in höchster Not gegen einen auf ihn zu stürmenden Cottbusser. Dieser Torwart ist einfach genial! Ein Konter nach gut einer Stunde erlöst uns – gerade als Ronnie und Robert endlich in unserem Block auftauchen (Ronnie erzählt später, die beiden seien zu früh abgebogen und haben die erste Halbzeit in der Cottbusser Fankurve gesehen. Auch hier sei den beiden als Frankfurter Erkennbaren keinerlei Aggression entgegengeschlagen. Respekt! Zurück zum befreienden 2:0. Meier vollendet einen Querpass von Benny Köhler. Und weil das ganze so schön einfach war, gleich nochmal. Cimen auf Meier – und der Mann des Tages ist endgültig gefunden. 3:0! Das Spiel ist durch, wir haben gewonnen.

Jetzt macht auch der Blick nach Fürth Sinn. Immerhin ist dort noch eine knappe halbe Stunde zu spielen. Was mache die Greuther? Info per Handy: Sie stehen kurz davor, das dritte Gegentor zu kassieren. Sieht nicht so gut aus. Doch plötzlich hinter uns Riesenjubel. Was ist passiert? Ausgleich in Fürth? Fragende Blicke in den oberen Bereich des Blocks. Tatsächlich! Zwei Hände strecken jeweils Daumen und Zeigefinger aus: 2:2! Block A bejubelt den greifbar nahen Aufstieg. In der Kurve hat sich die frohe Kunde noch nicht herumgesprochen. Als der Zwischenstand endlich auf der Videowand angezeigt wird, explodiert die Kurve in Ekstase. „Nie mehr zweite Liga! Nie mehr, nie mehr, nie mehr zweite Liga!“ Noch fällt es schwer, das an sich Unglaubliche zu realisieren. Kann es wirklich wahr sein? Ein weiterer Blick zur Videowand soll Bestätigung bringen. Dort steht immer noch zu lesen: SpVgg Greuther Fürth – 1860 München 2: --- 3 ... Im direkten Gegenzug. Das darf nicht wahr sein! Diese verfluchten Miezekätzchen! Und diese unfähigen Fürther! Die hätten doch bei einem Sieg selbst noch die Chance aufzusteigen! Von wegen „ich will rauf!“. Peinlicher fränkischer Blödsinn! Schlagartig ist die Stimmung gedämpft. Bis zum Abpfiff passiert nicht mehr viel. Weder hier noch im Nürnberger Vorort. Es bleibt bei einem einzigen, winzigen, mickrigen Pünktchen Vorsprung auf die großmäuligen Münchener.

Müßig zu diskutieren, ob es besser gewesen wäre, Fürth hätte nicht mehr ausgeglichen, und 1860 hätte weniger spektakulär gewonnen. Wir hätten nicht die trügerische „Gewissheit“ gehabt, „oben“ zu sein, hätten den eigenen Sieg wohl ein wenig euphorischer bewertet. Wahrscheinlich ist es doch besser so, wie es gekommen ist. Wir haben wieder einmal gesehen, wie schnelle es im Fußball gehen kann. Und das doch lieber am vorletzten Spieltag als am letzten, oder?

Kurz vor Schluss verkündet eine Lautsprecherdurchsage: „Der Sonderzug nach Frankfurt steht ab 18 Uhr am Hauptbahnhof auf Gleis 1 bereit.“ 18 Uhr? Abfahrt ist doch erst um 19.07 Uhr! Egal. Wir feiern erstmal die Mannschaft für eine wirklich beeindruckende Leistung. Die hat auch einmal mehr der Fan-Anhang abgeliefert. Was für eine geile Performance. Das muss man sich mal vor Augen führen: 4000 Wahnsinnige fahren mal eben 500 Kilometer weit an die polnische Grenze, supporten sich die Seele aus dem Leib, und machen sich, als wäre nichts gewesen, wieder auf den 500 Kilometer weiten Rückweg. „Sensationell!“, wie Ronnie zu sagen pflegt.

Der Rückweg zum Bahnhof erfolgt bunt gemischt. Und wieder bleibt alles friedlich. Frankfurter und Cottbusser gehen miteinander um wie alte Bekannte. Massenhaft werden gegenseitig beste Wünsche ausgetauscht:
„Gute Heimfahrt und viel Glück gegen Burghausen!“
„Euch auch für Karlsruhe! Ihr packt das schon!“
Bis 18 Uhr ist noch etwas Zeit. Also steuern wir einen Asia-Euro-Imbiss am Fuße eines dieser grauenhaften Plattenbunker an. Ronnie will eine Currywurst. Die wird doch tatsächlich im Wok zubereitet – zusammen mit Reis, Glasnudeln, Huhn (oder Hund?) und anderen internationalen Spezialitäten. Naja, in einem Laden, der Döner Gebab verkauft, eigentlich nicht wirklich verwunderlich. Wenn ich mir das jetzt frankforderisch ausgesprochen denke, habe ich darauf nicht wirklich Appetit. Aber ich muss ja auch nicht! Ein Frankfurter fragt den Ostasiaten hinter der Theke mit todernstem Gesichtsausdruck, welche Sorten Hund hier zubereitet werden. Antwort aus dem Imbiss:
„Kein Hund! Nix Hund! Huhn! Huhn!“
„Welche Sorte Hund???“
„Kein Hund! Nix Hund! Huhn! Huhn!“
„Aber was für ein Hund?“
„Kein Hund! Nix Hund! Huhn! Huhn!“
usw.
Kein Wunder also, dass die Currywurst ein klein wenig länger dauert, so dass ich mit meinem Radeberger erst zu meinen Leuten zurückkehre, als diese ihre Flasche schon halb geleert haben. Jungs, wartet man normalerweise nicht mit dem Trinken auf denjenigen, der die Runde bezahlt hat? ;-)

Auf zum Bahnhof! Wir sind immer noch ein wenig früh dran, so dass uns noch ein wenig Zeit bleibt, die Szenerie dort ein wenig zu beobachten. Den Frankfurtern ist der Zugang zum Bahnhofsgebäude bereitschaftspolizeilich versperrt. Selbst die Toiletten bleiben uns verschlossen. Jörg, Thommy und ich nehmen nochmal vor dem Bahnhof Platz und sehen dem allmählichen geordneten Abzug der Bereitschaftspolizei Potsdam zu, die, soweit ich das beurteilen kann, einen wirklich vorbildlichen Dienst gemacht hat: überwiegend im Hintergrund, gesprächsbereit, dabei in keinster Weise aggressiv. Der Helikopter dreht noch immer seine Kreise, und Jörg vermutet inzwischen, dass der das nicht wegen uns tut:
„Das muss der Blockwart der Plattenbausiedlung sein!“

Als der Sonderzug eintrifft, steigen die meisten sofort ein. Einige wenige nehmen auf dem Bahnsteig tatsächlich noch ein Sonnenbad. Nicht weit von unserem Fenster versieht eine attraktive junge blonde Polizistin ihren wachsamen Dienst, und fast ist es bei diesem wirklich schönen Anblick ein wenig schade, dass sich der Zug irgendwann in Bewegung setzt. ;-) Doch was uns noch bevorsteht, droht ganz finster zu werden: Die ohnehin schon sechseinhalb Stunden lange Strecke, die wir hinzugs genommen haben, kommt für die Rückfahrt wegen diverser Abschnitte mit Nachtfahrverbot (Lärmschutz) nicht in Betracht. Also biegt der Zug kurz hinter Leipzig nach Nordwesten ab. Grobrichtung Amsterdam statt Frankfurt. Na dann gute Nacht!

Waldemar ist gut drauf. Der Graue Wolf ist nicht zu bremsen. Er redet seine jeweiligen Gegenüber in Grund und Boden. Dass Taunus Adler Uli aus dem Ohr geblutet haben soll, ist jedoch definitiv ein Gerücht! Irgendwann ist Waldemar endlich bei seinem Lieblingsthema angekommen: dem Wanderzirkus Frankfurt Galaxy. Jetzt kann man ihm jedes beliebige Stichwort zuwerfen – ob es Leberwurst, Quantenphysik oder Transzendentalismus lautet – der graue Wolf landet umgehend wieder bei dem Frankfurter Football-Team. Ach ja, falls es noch nicht klar genug ist: Er kann die Galaxy auf den Tod nicht leiden!

Ronnie ist im Zug unterwegs. Wir hören längere Zeit nichts von ihm. Auch als der Zug in Halle überraschen anhält, ist er noch nicht wieder zurück. Während wir in der Bahnhofshalle stehen, ertönen zwei Ohren betäubende Schläge. Die Böller müssen aus dem Zug heraus abgeschossen worden sein, denn auf den Bahnsteigen sind nur ganz alltägliche Reisende auszumachen (die wohl in diesem Moment den Schock ihres Lebens erfahren haben.). Wie kann sich nur in einem offenbar komplett leeren Schädel eine derartige Scheißidee überhaupt entwickeln?

Inzwischen hat der Ordnungsdienst unseren jungen Flaschenwerfer von der Hinfahrt vorübergehend aus dem Verkehr gezogen. Zwei Zivilpolizisten nehmen seine Personalien auf. Theo und Texas, die beiden alten Hasen, was Auswärtsfahrten betrifft, sind entsetzt:
„Hast Du sie denen tatsächlich gegeben? In so einem Fall hat man seinen Ausweis ‚vergessen‘!“
Und die beiden sind sich sicher:
„Das gibt jetzt ein Stadionverbot! Und das war wirklich nicht nötig!“ Der junge Übeltäter ist am Boden zerstört. Kleine Ursache, große Wirkung. Die ganze Geschichte hat ihn derart mitgenommen, dass er eine solche Dummheit bestimmt nie wieder machen wird! Auch ohne Stadionverbot! Bleibt zu hoffen, dass er nochmal glimpflich davon kommt!

Als es draußen dunkel geworden ist, versuchen die ersten ein wenig zu schlafen. Die Sitze sind ungeeignet, es ist laut, es ist hell. Also bleibt es weitgehend beim Versuch. Selbst die Kapuze unseres Shirts, aufgesetzt und so weit wie möglich zugezogen [s. die Fotos von der Zugfahrt!], hilft nicht wirklich weiter. Und noch immer über vier Stunden liegen vor uns. Meine Laune ist nicht mehr die allerbeste. Thommy später über mich:
„Wenn der müde ist und nicht schlafen kann, wird er genau so motzig wie meine Frau.“
Erwartet jetzt dazu bitte keinen Kommentar von mir ;-)

Für Stimmung im Wagen sorgen vor allem die Schwalbacher, die ihr gesamtes, sehr umfangreiches Gesangsrepertoir zum Besten geben. Unglaublich, wie viele junge Leute offenbar immer noch Ibos Schlagerhit Ibiza kennen. Am häufigsten wird jedoch der Song Logo, logo von den Schürzenjägern angestimmt – und zwar immer dann, wenn ein Ordner der Firma L.O.G.O. den Wagen betritt. Irgendwann bekommen sie das auch mit, grinsen beim Vorübergehen, und manche lassen sich sogar zu einer kleinen Tanzeinlage animieren.
An dieser Stelle mal ein dickes Lob an den Ordnungsdienst an Bord des Zuges! Jungs, wir alle wissen, wie undankbar dieser Job an diesem Tag war. Dass ihr die Tortur so gelassen habt über euch ergehen lassen, ist aller Ehren wert. Und dass es meiner Kenntnis nach eine insgesamt stressfreie Fahrt wurde, ist zum großen Teil euer Verdienst. Respekt!

Um Mitternacht passieren wir die hessische Landesgrenze. Bald müssen wir doch ankommen! Irrtum! Noch immer liegen dreieinhalb Stunden Fahrt vor uns. Hinter Bebra folgt dann doch allgemein der tote Punkt. Selbst die Schwalbacher werden merklich ruhiger. Und jetzt ist auch endlich ein Zustand möglich, der so etwas wie Schlaf doch ein wenig näher kommt. Die Lebensgeister kehren erst wieder kurz vor Aschaffenburg zurück. Bei mir in Form eines Stück Brotes. In der Nase. Danke, Ronnie! ;-) Aber Moment mal! Aschaffenburg??? Jawoll, wir rollen soeben über bayerischen Boden. Es ist das sage und schreibe siebte Bundesland, das wir an diesem Tag befahren. Zuvor ging es ja bereits durch Hessen, Thüringen, Sachsen, Brandenburg, Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Einfach krank!!!

Als wir endlich in Frankfurt eintreffen, ist es 3.30 Uhr am Pfingstmontag Morgen. Sämtliche Taxi-Unternehmen Frankfurts machen jetzt ein Riesengeschäft. Als wir endlich eines bekommen, muss der Fahrer erstmal umbauen. Im Kofferraum werden die beiden Notsitze aufgestellt, damit alle fünf mitfahren können. Auf der Fahrt nach Kronberg, wo wir in Oberhöchstadt den Grauen Wolf absetzen, beschließt Ronnie, dass er heute ja eigentlich nur alkoholfreie Getränke zu sich genommen habe. Wir schließen uns dieser Feststellung geschlossen an. Somit wäre auch das geklärt!

Und dann hat Ronnie noch eine grandiose Idee: Wir beginnen den folgenden (Aufsteigs-?)Sonntag um 11 Uhr mit einem Brunnenfest-Frühschoppen bei Heinzi im Schwanen.
Na, dann kann ja wirklich gar nichts mehr schief gehen!

Jungs, diese hoffentlich für viele Jahre letzte Zweitliga-Auswärtsfahrt war einmal mehr Kult! Und nach fast auf den Tag genau zwei Jahren (2:0 in Oberhausen) durften Thommy, Jörg und ich endlich mal wieder einen Auswärtssieg live miterleben. Jetzt ist es an der Zeit, die Erste Bundesliga im Sturm zu erobern! Zu Hause – und ganz sicher auch wieder auswärts!

 

Orschel Eagles Tales from the Road

„Ausschreitungen einmal anders“ oder „Was Ahlen mit der WM zu tun hat“

Irgendwie fällt es ziemlich schwer, nach den Ereignissen von Ahlen einfach zur Tagesordnung überzugehen und ganz locker einen Bericht anzufangen, von dem Ihr alle erwartet, dass er lustig wird. Ich werde mein Bestes tun. Doch um die eine oder andere eher nachdenkliche Passage werde ich nicht herumkommen können.

Blauer Himmel, Sonnenschein, bereits am frühen Sonntagmorgen Temperaturen von über zehn Grad. Was kann da noch schief gehen bei der angesetzten Auswärtsfahrt ins beschauliche Ostwestfalen zu einem Verein, der vor einigen Jahren, als es darum ging, den Namen des Hauptsponsors LR Cosmetics im Vereinsnamen mit unterzubringen, kurzerhand ein ganz neues Vereinskürzel erfunden hat: LR für Leichtathletik Rasensport. Schon ganz schön pfiffig – oder doch eher peinlich?

Kultverdächtiges ereignet sich schon vor der Abfahrt aus Bad Homburg. Felix war nicht in der S-Bahn und ist auch sonst offenbar nicht rechtzeitig am Bahnhof angekommen. Thommy versucht ihn zu erreichen. Für den folgenden Handy-Dialog gibt es außer mir übrigens noch weitere Zeugen! Thommy: „Felix, wo bist du? --- In Orschel am Bahnhof? --- Wir fahren doch in Bad Homburg ab! --- Schnapp dir ein Taxi und komm schnell her!“ Breites Grinsen in der Runde. Seit Felix keinen Alkohol mehr trinkt, sind solche Nummern noch unerklärlicher. Doch es kommt noch besser. Thommy hat gerade aufgelegt, als Jörg plötzlich meint: „Schaut mal, dort drüben steht er ja. Da am Taxistand.“ Mit lauten Zurufen können wir gerade noch verhindern, dass Felix ein Taxi besteigt, um nach Orschel (!) zu fahren. Thommys Kommentar: „Ich brech ab!“
Eigentlich sollte man sich ja mal ernsthaft Gedanken um unseren EFC machen: Die Kommunikation zwischen Vorstand und Mitgliedern ist offenbar bedenklich schlecht ... ;-)

Vom EFC Taunusquelle sind diesmal neun Leute dabei: Thommy, Jörg, Felix, Najim, Thorsten, Waldemar, Sascha, dessen Freund und meine Wenigkeit. Außerdem sind neben den bereits traditionell vertretenen Fanclubs noch ein paar Taunus Adler und erstmals auch einige Stedter Adler dabei. Zu den Stedtern nehmen wir bei erstbester Gelegenheit, nämlich der ersten obligatorischen Raucherpause, Kontakt auf. Schnell lädt man sich gegenseitig zu den jeweiligen Club-Stammtischen ein: Montag bei uns im Schwanen, Dienstag in Stedte beim Bojo.
Kurz vor dem Ruhrgebiet steigt im Bus plötzlich weißer Rauch auf. In Rom würde das ein paar Tage später bedeuten, dass ein neuer Papst gefunden ist. Doch hier verriet der Rauch verbunden mit einem durchaus interessanten Schmorgeruch nur, dass irgendein Eumel die Bord-Kaffemaschine in Gang gesetzt hatte, ohne dass Wasser darin war. Kommentar von weiter hinten: „Die ist hin.“ Fahrer Bruno wirkt ein wenig gereizt. So kennt man ihn doch sonst gar nicht!

Nach ansonsten eher ereignisloser, nichtsdestotrotz dennoch gewohnt feucht-fröhlicher Anreise steuern wir gegen halb eins den Parkplatz eines Getränkemarktes im Industriegebiet Ahlens an. Wir sind noch nicht alle ausgestiegen, als sich die Polizei das erste mal blicken lässt. Unter Auflagen dürfen wir auf dem Parkplatz bleiben: Wir müssen ihn nur quasi besenrein wieder verlassen. Die Alten Kameraden haben mehrere Grills dabei, die in rekordverdächtig kurzer Zeit einsatzbereit sind. Neben unserem Banner und dem der Alten Kameraden lassen wir uns Würstchen (Danke, Thommy, Felix und Waldemar) und Bier schmecken, immer wieder kurz besucht von den netten Leuten in Grün, die – nachdem die Grills angeworfen sind – nacheinander alle mal vorbeischauen. Ich denke, sie haben’s von weitem gerochen! Mit einigen Polizisten kommen wir ins Gespräch, bieten etwas von den Grills an. Die Stimmung ist komplett entspannt. Alles deutet darauf hin, dass es ein gemütlicher Nachmittag mit einem netten Fußballspiel und ohne jeden Stress werden wird ...

Wir machen uns gegen zwei in Richtung Stadion ab. Die Kontrollen sind bestens organisiert. Auch hier nicht ein Hauch von Aggression, sogar lobende Worte von vielen Eintracht-Fans über den Ordnungsdienst. Nach einigem Suchen finden wir einen ordentlichen Platz im Block O, ziemlich auf Höhe der linken Eckfahne. Der Block ist schon recht gut gefüllt. Plötzlich sehen Jörg, Waldemar und ich uns überrascht an. Diese Stimme hinter uns. Die kommt uns allen ziemlich bekannt vor. Wir drehen uns um. Und tatsächlich, da steht er wieder: Frederick, der kleine Nachwuchs-Capo, der uns schon in Karlsruhe so herrlich unterhalten hat. Und er scheint auch heute wieder in Hochform zu sein. Frederick, dass es diesmal nicht ganz so geklappt hat, lag ganz bestimmt nicht an Dir!

In der Eintracht-Kurve ist die Stimmung bestens. Zwei Megafone auf den Zäunen vor den Blöcken sorgen für eine gewohnt grandiose Heimspielatmosphäre auf fremdem Platz. In der Ecke sitzt ein einzelner Fan auf dem Zaun und schwenkt unablässig eine große Fahne. Vor unseren Fans versieht eine wirklich gut aussehende Schiedsrichter-Assistentin ihren Dienst. Und wenn schon das Spiel nicht viel hergibt, so kann man sich wenigstens an diesem Anblick erfreuen.
So hätte es sein können an diesem Nachmittag im Wersestadion zu Ahlen. Es kommt ganz anders.

Es ist 15.15 Uhr, als ein schöner Fußballtag mit einem Schlag beendet ist. Der Ordnungsdienst hat den Fan auf der Ecke des Zaunes aufgefordert, diesen Platz zu räumen. Doch der bleibt sitzen und schwenkt weiter seine Fahne. Aus dem Block gibt es keine Beschwerden darüber, so dass also alles problemlos ist, wenn man diese Figur einfach dort oben sitzen lässt. Doch der Ordnungsdienst fühlt sich offenbar in seiner Autorität verletzt und beschließt, den Fan dort oben runter zu holen. Koste es was es wolle. Die Polizei wird eingeschaltet. Und statt den Ordner, der den Polizeieinsatz angefordert hat, für diese Anforderung schallend auszulachen, schickt die Einsatzleitung der Polizei zehn (!) Mann in den Eintracht Block, um diesen einen (!!) Fan vom Zaun zu beordern. Schlagartig ist die Stimmung gereizt. Polizei im Block wird eben von vielen nicht gerne gesehen. Ein Polizist greift nach der Fahne und versucht, sie dem Fan zu entreißen. Dabei nimmt er billigend in Kauf, dass der Fan durch das ruckartige Zerren ebenfalls vom Zaun stürzt und verletzt wird. Das Pulverfass brodelt. Empörung im Block. Erste Rennereien. Zwanzig weitere Polizisten marschieren vor dem Block auf – von der Ausrüstung her aberwitzigerweise besser geschützt als die Kollegen bei uns im Block. Diese stehen inzwischen einer Reihe Frankfurter gegenüber, die sie nachdrücklich und wenig freundlich auffordern, den Block wieder zu verlassen. Von weiter weg fliegen Bierbecher auf die Polizisten zu. Die Situation eskaliert: Die Polizisten antworten mit dem Einsatz von Pfefferspray – wahllos auf Personen gerichtet, die ihnen zufällig gerade gegenüber stehen, und aus weniger als zwei Metern Entfernung ganz gezielt ins Gesicht. Es gibt Verletze auf Seiten der Fans. Plötzlich zieht sich die Polizei aus dem Block zurück, während die vor dem Block aufgestellte Einheit noch einige Minuten stehen bleibt. Doch die Atmosphäre ist irreparabel vergiftet.

Bis hierher habe ich beschrieben, was ich aus knapp zehn Metern Entfernung, also durchaus unmittelbar dran am Geschehen persönlich wahrgenommen habe. An dieser Stelle seien mir daher jetzt auch ein paar persönliche Worte gestattet. Ich habe normalerweise sehr viel Verständnis für Ordner und Polizisten, weil es ihre Aufgabe ist, Gewalt zu verhindern oder zu sanktionieren und ich denke, dass Gewalt an sich im Stadion nichts, aber auch gar nichts zu suchen hat. DAS VERHALTEN DER ORDNUNGSKRÄFTE IN AHLEN WAR JEDOCH SCHLICHT EIN SKANDAL!!! Hier hat erst die Polizei für das Aufkommen von Gewalt gesorgt und diese dann sogar weitgehend ausschließlich selbst angewandt. Die Art und Weise, mit welcher Rücksichtslosigkeit und Brutalität die Polizei in Ahlen im Frankfurter Block vorgegangen ist, kann man nur als schockierend bezeichnen. Verschlimmert wird alles noch dadurch, dass in den Augen von Ordnungsdienst und Polizei als Auslöser des Einsatzes ein einzelner Fan ausreichend war, der nichts anderes tat, als auf einem Zaun zu sitzen und eine riesige Eintracht-Fahne zu schwenken. Die komplette Ohnmacht der Fans wird deutlich, wenn man im Nachhinein erfährt, dass Premiere und DSF die Bilder der Geschehnisse als Randale der Frankfurter Fans präsentierten. Das jedoch hat mit der Wahrheit nicht das Geringste zu tun! Schon die Anforderung der Polizei durch den Ordnungsdienst war durch nichts gerechtfertigt und im höchsten Maße überzogen! Deeskalation ist das genaue Gegenteil! Zumal in einer Situation, in der von Eskalation weit und breit nichts zu sehen ist. Einzelne Ordner fühlten offensichtlich ihre Autorität untergraben, und die Polizei ließ sich bereitwillig instrumentalisieren und nahm – aus welchen Gründen auch immer – in Kauf, dass eine vollkommen entspannte und harmlosen Situation eskaliert. Nochmals: Die Gewalt ging definitiv und ausschließlich von den Polizisten aus.
Fragt man sich nach den Gründen für derart unverständliches Verhalten seitens der Ordnungskräfte, kommt man zwangsläufig immer wieder auf ein Ereignis, das inzwischen spürbar seine (dunklen) Schatten voraus wirft: Die Weltmeisterschaft 2006. Offenbar stehen die Ordnungskräfte unter großem Druck von Seiten der Politik und des WM-OK. Sie müssen im Sinne der Hooligan-Prävention „Ergebnisse“ vorweisen. Jedes Stadionverbot kann in der Öffentlichkeit als Erfolg gegen die Gewalt im Stadion verkauft werden. Und wer einmal in der ominösen Kartei „Gewalttäter Sport“ drin ist, der ist von der Weltmeisterschaft ausgeschlossen. Ich weiß nicht, wie viele Frankfurter seit Ahlen neu in diese Kartei aufgenommen wurden. Doch jeder einzelne von ihnen ist in diesem speziellen Fall bereits jetzt um das Erlebnis Fußball-Weltmeisterschaft betrogen worden, weil die Eskalation von Ahlen durch die Ordnungskräfte schlechterdings inszeniert worden ist und viele Fans schlicht in eine Falle gelockt wurden.

Zurück nach Ahlen. Und noch immer nicht genug der unerfreulichen Begebenheiten. Als wir wieder den Bus erreichen, erfahren wir, dass sich unser Reiseleiter Alex Kreißl von den Alten Kameraden in Polizeigewahrsam befindet. Uns wird erzählt, die Polizei habe seine Personalien aufnehmen wollen, weil er sich außerhalb der (viel zu wenigen vorhandenen) Toiletten Erleichterung verschafft hat. Alex habe dann einen Moment aufkommender Hektik in der Nähe des Geschehens genutzt, um abzuhauen, sei aber später erkannt und festgenommen worden.
Rund um den Bus herrscht Ratlosigkeit. Offenbar ist das hier genau so ein Fall, wie oben bereits spekulativ beschrieben: Alex ist in die Falle getappt. Wäre die Polizei nicht wegen der besagten Nichtigkeit in den Block gekommen, hätte sich vermutlich keiner daran gestört, dass jemand ein dringendes Bedürfnis neben den voll besetzten Toiletten erledigt.

Sandra versucht via Handy über die Polizei herauszufinden, ob und wo wir ihren Mann abholen können. Inzwischen kommen Steve und Ronnie auf dem Weg zu ihrem Auto bei uns vorbei. Sie haben von ihren Plätzen aus die Polizeiaktionen im Block nicht richtig mitbekommen. Ronnie: „Ich dachte, da gehen die Fans unter sich aufeinander los.“ Schließlich fahren wir nach gut einer Stunde ins Zentrum von Ahlen zur Polizeistation, wo wir bereits von Texas und Sandras Tochter Jennifer erwartet werden, die ihren Papa begleitet hat. Dort sagt man Sandra, wenn wir uns eine halbe Stunde lang als Gruppe ruhig verhielten, könnten wir Alex vielleicht mitnehmen. Beim Gedanken an diese „Erziehungsmaßnahme“ muss man eigentlich im Nachhinein ganz breit Grinsen. Wir nutzen die Zeit, um ein wenig mit Ahlener Anwohnern ins Gespräch zu kommen. Scheint ein recht nettes Völkchen zu sein, wenn auch in Einzelfällen älteren Semesters leicht ausländerfeindlich eingestellt („Hier wohnen überall Türken. Da. Und da drüben. Und da nebendran auch.“ Das ganze in deutlich abschätzigem Tonfall). Eine Pizzeria gegenüber der Polizei macht mit uns ein Bombengeschäft. Alles bleibt ruhig. Nach einer halben Stunde lassen sie Alex tatsächlich gehen. Doch er sieht ganz schön zugerichtet aus. An Armen, Schultern und Kopf ist er offensichtlich verletzt. Er erzählt, man habe sich mit mehreren Leuten auf ihn gestürzt, nachdem er sich gegen die allzu grobe Behandlung durch die Polizisten zur Wehr gesetzt habe. Wer die Brutalität der Polizisten im Block miterlebt hat, der kann sich die Szene sehr lebhaft vorstellen.
Zum Glück hat Alex seinen Humor nicht verloren. Sein erster Kommentar, nachdem er wieder den Bus bestiegen hat: „Tja, die WM findet jetzt wohl in jedem Fall ohne mich statt.“ Beide Kreißls, Sandra und Alex, werden nicht müde, den Mitfahrern im Bus für die Geduld und Unterstützung zu danken. Schön vor allem, dass Busfahrer Bruno die Verzögerung mehr als locker hinnahm. Oder hat er seinen Ärger einfach geschickt verborgen?

Die Rückfahrt wird traditionell verkürzt durch die Tombola. Diesmal war unter anderem Thommy der große Gewinner. Vor allem sein leuchtendes 1899-Käppi war fortan eines der ganz großen Gesprächsthemen. Er selbst findet das Teil natürlich auch ganz faszinierend. Doch ob das Versprechen, zum 10-jährigen Orscheler EFC-Jubiläum in drei Jahren werde der Vorstand neue EFC-Kappen in dieser Art in Auftrag geben, wirklich umzusetzen ist? Wir werden sehen. Aber auf Dein Versprechen werden wir Dich festnageln, wenn es soweit ist, Thommy! ;-)

Inzwischen hat Alex noch einmal das Busmikro ergriffen und ein erstes Fazit dieser Tour gezogen, das er mit den Worten „Kann ich sonst noch was für Euch tun?“ beendet. Irgendeiner – ihr wisst schon wer! – kann sein Maul nicht halten und ruft etwas von „ausziehen“. Keine zwei Minuten später spielen sich im Mittelgang des Busses getreu dem alten Motto „eins, zwei, drei – Oberkörper frei“ Szenen ab, die bei so manchem Mitfahrer wahrscheinlich bleibende Augenschäden hervorgerufen haben dürften. Doch alles in allem blieb am Ende dann doch alles im jugendfreien Bereich. Es kann halt nicht jeder ein Adelmann sein! ;-)

Trotz aller unerfreulichen Begleiterscheinungen: Es war wieder eine echt kultige Fahrt. Vielen Dank an die Alten Kameraden, vor allem die Familie Kreißl! Und wer weiß, vielleicht werden wir nach der WM auch auf diesen Nachmittag in Ahlen zurückblicken und über alles schmunzeln. Aber allerfrühestens dann!

PS: Das Fußballspiel haben wir 2:3 veloren.

Orschel Eagle´s Tales from the Road

„Eine Mannschaft, die nicht aufsteigen will“ oder „Gebt dem Kind ein Megafon!!!“

Es gibt Spiele, über die man eigentlich gar nichts schreiben will. Dazu gehört normalerweise auch eine 0:3-Klatsche in Karlsruhe. Was soll es auch groß zu berichten geben, wenn die eigenen Götter mal wieder alles andere als göttlich agieren? Außerdem ist man das auswärts eigentlich schon beinahe gewohnt. Und trotzdem: Wir haben mal wieder das Beste draus gemacht und eine weitere geile Auswärtsfahrt hingelegt!

Sonntagfrüh (jawoll: „früh“! Ist schließlich Wochenende!), 10.20 Uhr. Es ist saukalt vor dem Bad Homburger Bahnhof. Also nicht lange schwätzen und gleich rein in den Bus! Nur schnell Sandra hallo sagen. Die trotzt tatsächlich den Temperaturen und erwartet die Mitfahrer draußen. Respekt! Drinnen sitzt fast schon der ganze Mob von der Taunusquelle und den Alten Kameraden. Schön, nach der langen Winterpause wieder die altbekannten Gesichter der anderen Eintracht-Maniacs zu sehen! Jörg, Felix, Bernhard und Thorsten sind schon da. Nur Waldemar fehlt noch. Erste Diskussionen über eine angemessene Strafe für Zuspätkommen werden abrupt beendet, als Waldemar um 10.28 Uhr mit seinem Wagen vorfährt. Böse Zungen behaupten beim Anblick des Gefährts, Waldemar habe am Samstag bei Aldi wohl einen Einkaufswagen entwendet.

Also kann es doch pünktlich losgehen. Zuerst der gewohnte Abstecher in die Hügelstraße. Die Mainhattener warten schon. Zumindest die meisten. Zehn Minuten später und 50 Meter weiter sind wir dann vorerst komplett. Viel zu früh sind wir auf der A5 Richtung Darmstadt. Es ist gerade mal 11.30 Uhr. Dreieinhalb Stunden vor dem Anpfiff. Ob wir es noch rechtzeitig bis Karlsruhe schaffen? ;-) Immerhin müssen wir in Darmstadt noch Mitfahrer aufnehmen. Auch das geht relativ schnell, so dass wir schon bald die Bergstraße erreichen. Felix glänzt mit heimatkundlich-meteorologischem Wissen, beweist allerdings mal wieder Eindrucksvoll, dass Fremdwörter oft Glückssache sind: „Wir kommen jetzt in wärmere Geflieder“. Darauf verteilt Jörg erstmal eine Runde Warsteiner. Gut gekühlt. Kein Wunder bei dem Wetter! Auch das Landbier aus Kulmbach ist wieder bestens temperiert, so dass die Truppe sehr gut gelaunt und mit furchterregendem „Hurra, hurra, die Frankfurter sind da!“ um 13 Uhr in Karlsruhe dem Bus entsteigt, um im Wildpark reiche Beute in Form eines Dreiers zu machen.

Die Pläne, eine nahe gelegene Kneipe aufzusuchen, scheitert an den vorübergehenden Anfällen von Wichtigkeits-Bewusstsein des badischen Ordnungsdienstes („Geht rüber zu eurem Blockeingang und fragt den Kollegen.“) Sehr kooperativ, meine Herren! Und nicht besonders intelligent! Immerhin besteht die Gefahr, dass der frierende Mob sich anderweitig Aufwärmung verschafft. Doch es bleibt ruhig. Nach Karlsruhe-typischer Einlasskontrolle (Jungs, bewerbt euch beim CIA!) müssen wir erstmal unser Banner abgeben. Das hat heute Premiere. Man verspricht uns, dass der Ordnungsdienst es für uns aufhängen werde. Hat er auch gemacht. Nur gesehen hat es kaum einer. Das Ding hing an wirklich beschissenster Stelle: direkt über dem Boden hinter dem Auspuff einer schwäbischen Nobelkarosse. Echt Klasse!

Schiedsrichter Fandel macht auf dem Rasen seine Aufwärmübungen. Als er vor dem Gästeblock vorbeiläuft, applaudieren einige Frankfurter hörbar. Fandel nimmt es wahr und grüßt winkend in den Block. (Später im Fernsehen wird er sich sehr lobend über die Fans äußern!) Überhaupt gibt es das ganze Spiel über keinerlei Gesänge hinsichtlich des Wettskandals. Bemerkenswert!

Anpfiff: Irgendwo hinter uns plärrt es plötzlich: „Hier regiert die SGE!“ Dutzende Blicke suchen den Brüller. Er ist vielleicht fünf Jahre alt, sitzt auf den Schultern seiner Mutter – und kennt wirklich alle Frankfurter Gesänge. Nach und nach stimmt er an: „Wir sind aus Frankfurt, wir sind aus Hessen ...“, „Scheiß KSC!“ und „Wir tragen den Adler im Herzen“ (das ist das Ding mit Hannover. ;-) ). Der kleine sorgt alleine für Stimmung im oberen Teil des Stehblocks. Einfach der helle Wahnsinn! Gebt dem Kind ein Megafon!!! Waldemar nimmt ihn nach ein paar Minuten auf die Schultern, damit er noch ein wenig besser sieht (oder damit Waldemar das Geplärre nicht mehr selbst dauernd im Ohr hat? Who knows!)

Das Spiel plätschert dahin. Irgendwann ein Ballverlust im Mittelfeld, Arbeitsverweigerung in der Abwehr – und es steht aus heiterem Himmel 1:0 für den Abstiegskandidaten. Reaktion auf dem Rasen? Null! Halbzeit. Keine Pfiffe, statt dessen Anfeuerung beim Gang in die Kabine. Wir sind sicher: Wir gewinnen das noch! Die Pausenstände werden durchgesagt: Aachen liegt zurück. Jubel. Duisburg liegt zurück. Jubel. Heute wird unser Tag! Soviel steht fest. Und das weiß der ganze Gästeblock.

Nur der Mannschaft hat’s wohl keiner gesagt. Offensive findet überhaupt nicht statt. Und die Abwehr fällt zurück in längst überwunden geglaubte Hinrunden-Stümperei. Wieder Ballverlust im Mittelfeld. Hoffmann kann sich den Ball holen. Tut er aber nicht. Statt dessen tritt er den Gegner um. Elfmeter. Keine Proteste. Weder auf dem Platz noch in der Kurve. Pröll hält. Doch der Jubel im Block schlägt sofort in Entsetzen um: Der Ball fliegt wieder genau zum Schützen, der im Nachschuss keine Mühe mehr hat, das 2:0 zu markieren. Auch wenn es im Endeffekt keine Auswirkungen hatte, weil der Ball direkt zum Schützen zurück sprang, der naturgemäß fünf Meter Vorsprung hatte: Das Abwehrverhalten bei diesem Elfer spricht Bände. Von sechs Frankfurtern am Strafraum laufen ganze zwei nach dem Schuss hinein, um einen eventuellen Abpraller aus der Gefahrenzone zu bringen. Siegeswille sieht anders aus ...

Das Spiel ist nach nicht einmal einer Stunde gelaufen. Die Eintracht hat in 90 Minuten nicht eine echte Torchance. Überhaupt haben sich nur ganz wenige Spieler gegen die Niederlage gewehrt. Pröll zum Beispiel, oder Vasoski. Wie üblich auch Arie. Aber sonst? Dieser Mannschaft sieht man nicht an, dass sie unbedingt aufsteigen möchte. Als kurz vor Schluss der dritte KSC-Treffer fällt, regt sich kein Fan mehr auf. Ich hole unser Banner. Schlusspfiff. Die Mannschaft kommt in die Kurve. Gellendes Pfeifkonzert. Nur Pröll wird gefeiert.

Schnell zum Bus. Alex erzählt, er habe vom Spiel nicht viel mitbekommen, weil er mit seiner Tochter im Rotkreuzwagen gewesen wäre. Die Kleine hatte Kreislaufprobleme. Für einen Papa gibt es halt doch manchmal wichtigere Dinge als Fußball ...

Auf der Rückfahrt stellt sich heraus, dass tatsächlich jemand in diesem Bus es gewagt hat, auf ein 0:3 gegen uns zu tippen! Und dafür auch noch 66 Euro einsacken! Schäm dich!!! ;-) Die anderen haben aber immer noch alle
Chancen, bei der traditionelle Tombola kräftig abzuräumen. Der Losverkauf wird nur unterbrochen durch eine längere Pause beim Buletten König (aka Burger King). Ich lasse Jenny elf Lose für mich ziehen. Und sie entpuppt sich als echte Glücksfee! Ich kann mich jedenfalls über die Preise nicht beklagen. Am Ende gehen beide Hauptgewinne an unseren EFC. Danke, Jenny!!!

Am Ende der Tombola-Auslosung hat der Bus den Darmstädter Hauptbahnhof erreicht. Die ersten Mitstreiter verlassen uns. Nach einem weiteren Ausstiegsstopp in der Hügelstraße kommen wir um 20.15 Uhr wieder in Bad Homburg an. Es ist immer noch saukalt!

Ein Dank an dieser Stelle an Bruno, unseren Busfahrer! Und ein ganz besonders herzliches Dankeschön an die Kreißls und ihre Leute von den Alten Kameraden für die Organisation dieser geilen Tour! Wir sehen uns sicher bald wieder, im Bus Richtung ??? !

 


Orschel Eagle´s Tales from the Road

„The Eagle Has Landed“ oder „In einem sonderbaren Land“

Es war einmal ein gar absonderliches Stück Erde irgendwo zwischen Deutschland und Luxemburg. Dort war alles so unvorstellbar klein: die Kartoffeln in den Bergdörfern ebenso wie die Hochdeutsch-Kenntnisse der dortigen Fußballanhänger. Die fankulturelle Tradition in der latent fassenachtstrunkenen Landeshauptstadt ebenso wie das Bißchen größeren Erfolges des dort kickenden Karnevalsvereins im Vergleich zu unserer Eintracht. Das Stadion in der ältesten Stadt dieses Landes ebenso wie der Geisteszustand so manch eines dortigen Moselwein-Konsumenten und Fußballfan-Anwärters. Von hier stammt auch unser aller Lieblingsschiedsrichter, der 1992 meinte, es wäre vielleicht doch keine so gute Idee, dass Eintracht Frankfurt Deutscher Meister wird (Einen schönen Gruß an Alfons B. aus K.!). Und zu allem Überfluss heißt der Ministerpräsident dieses seltsamen Landes, dessen Hauptexportgüter aus Mosel-, Rhein- und Nahe-Wein bestehen, treffenderweise so ähnlich wie eine norddeutsche, weltweit bekannte Biermarke.

Es ist also ein durch und durch sonderbares Land, in das sich eine Gruppe Unerschrockener mit dem Adler im Herzen an diesem für die Jahreszeit recht viel versprechenden Sonntagmorgen aufmacht, um die Festung Moselstadion im Sturm zu nehmen und den ersten Auswärtsdreier der inzwischen gar nicht mehr so jungen Saison einzufahren.

Als wir gegen zehn in Bad Homburg eintreffen, wartet Thommy mit einer Überraschung. Die neuen Fanclub-Kapuzenshirts sind eingetroffen. Und Thommy ist bereits fleißig am Verteilen. Najim hat seines schon übergestreift. Opa kämpft derweil mit Kapuze und Frisur. Auch ich begebe mich schleunigst in die neue EFC-Kult-Kluft – und stelle fest, dass ich sämtliche Jacken heute völlig umsonst mitgeschleppt habe. Sandra vom EFC Alte Kameraden überreicht Thommy unser Kontingent an Tickets. Ich hoffe, die beiden haben selbst verstanden, was sie da geldflusstechnisch besprochen haben! Transparenz ist was anderes! ;-)

Als wir einige Zeit später auf die A 3 Richtung Norden abbiegen, sind insgesamt fünf Eintracht-Fanclubs im Bus vertreten: Neben den Alten Kameraden und uns noch die Weißen Adler und die EFCs Mainhattan und Nassau. Die Getränkeversorgung ist optimal, und Fahrer Ewald sehr verständnisvoll. Oder liegen seine bereitwillig zugestandenen Pausen nur daran, dass sie offiziell als Raucherpausen bezeichnet werden? Egal! Erinnerungsfotos werden schon beim ersten Stopp geschossen – solange noch alle stehen können. ;-) Immer wieder beeindruckend, dieses Bild der Kolonnen von EFC-Bussen an den Raststätten entlang der Routen zu den Auswärtsspielen. Irgendwie fühlt sich Jörg an die Hamburgfahrt erinnert: „Erinnert ihr euch noch an die Transparente an den Autobahnbrücken?“ Nicht nur unsere Augen fangen an zu leuchten. Auch die Sonne kommt plötzlich raus. Hinter Koblenz folgt das Tippspiel. Ich bin mir sicher, dass vier Tore fallen werden ...

Wir nähern uns Trier, sind schnell mitten in der Stadt – und haben das Mosel-„Stadion“ schlicht und ergreifend übersehen. Nach Kreiselrundfahrt und U-Turn kommen wir schließlich doch an. Wie unterschiedlich menschliche Wahrnehmungsweisen sein können, zeigt sich in Trier wieder einmal allzu deutlich: Die Zufahrt zu diesem – mit Verlaub – Dorfsportplatz (Thommy fühlte sich an das Sportzentrum Nordwest in Kirdorf erinnert: „Da wird einem erst so richtig bewusst, dass wir mal wieder in der zweiten Liga gelandet sind.“) mit dem Begriff „Arena“ zu beschildern, ist doch schon sehr vermessen. Erfrischend anders ist auch der erste farbliche Eindruck der örtlichen Ordnungsmacht. Das hässliche dunkle Grün der Uniformen wird gekonnt hinter dem frischen hellen Braun der im Anschlag sitzenden Holzschlagstöcke versteckt. Gut, die farbliche Kombination ist jetzt wirklich weder passend noch schön, aber eben anders – wie so vieles hier. Oder hat schon mal jemand einen Ordner vom Typ Karussellbremser bei der Einlasskontrolle lächeln sehen? In Frankfurt sicher nicht.

Inzwischen sind auch unsere Otzberger Blocknachbarn von der Westtribüne eingetroffen. Wir finden Plätze direkt hinter dem Tor und stehen in etwa auf derselben Höhe über dem Spielfeld wie im Frühjahr im Dortmunder Block 8. Aber die Sicht ist um Klassen besser! Der Zaun hat eine vertretbare Höhe und stört den Blick auf das Spielfeld überhaupt nicht. Naja, dafür wird in Trier im nächsten Jahr wahrscheinlich auch noch Fußball gespielt (was beim BVB ja nicht unbedingt gewährleistet ist.). Die Gästekurve füllt sich schnell. Etwa zweitausend Frankfurter sind da. Vor uns stellt sich eine Familie auf. Vater mit zwei Töchtern, einem kleinen Sohn von vielleicht acht oder neun Jahren und – zum allerersten Mal auswärts im Fanblock dabei – Ehefrau. Der schonenden Vorbereitung unsererseits ist es wohl zu verdanken, dass der guten Frau nicht sämtliche Gesichtszüge entgleisten, als ihr kleiner Liebling lauthals mitgrölte, wenn der Block Hannover in den A*** f*** wollte. (An dieser Stelle schöne Grüße nach Schwanheim! Das Angebot steht! Und über Familienrabatt lässt sich bestimmt auch reden! ;-) )

Für das erste Highlight im Stadion sorgt der Stadionsprecher, der seine Begeisterung über die einheimische Fanszene (merke: die Zuschauerzahl lag bei etwa 8000, von denen gut ein Viertel aus Frankfurt kam) nicht mehr zügeln kann und begeistert ims Mikro zu singen beginnt:

Und wir werden immer mehr – Eintracht Trie-hier
Und wir werden immer mehr – Eintracht Trie-hier

Ohne Worte! Die Trierer Anhänger feiern inzwischen alle ihre Spieler: Nico, Patsche und Patschinski. Ob sie die Namen der anderen Trierer Kicker überhaupt kennen?

Anpfiff. Die Stimmung ist wie immer brillant. Erst recht als Christopher Reinhard direkt vor unserer Kurve aus spitzem Winkel zum 0:1 einnetzt. Der Optimismus steigt ins Unermessliche. Die Mannschaft spielt aggressiv, lässt so gut wie nichts zu und hat die Sache sicher im Griff. Eigentlich kann gar nichts passieren. Nur dieser Schiedsrichter erregt mehrfach den Zorn beider Fangruppen. Hermann Albrecht ist wirklich seit Jahren der mit Abstand schlechteste deutsche Schiedsrichter. Seine Regelauslegung kommt grundsätzlich einem Lotteriespiel gleich. Sein einziger Vorteil: Er pfeift in der Regel den selben Mist auf beiden Seiten zusammen.

Wie gesagt, sonst läuft alles glatt - zu glatt eigentlich. Da folgt auch schon der unvermeidliche kapitale Bock im Aufbauspiel. Leider ist Alex Schur wieder maßgeblich dran beteiligt. Patschinski steht sofort völlig frei vor Pröll, schießt den Ball Richtung Seitenauslinie, fädelt in den am Boden liegenden Keeper ein, lässt sich fallen – und kriegt tatsächlich einen Elfmeter. Albrecht live! Der „Gefoulte“ läuft selbst an, bleibt stehen, läuft weiter und schiebt den Ball am bereits am Boden liegenden Pröll vorbei ins Tor. Heftige Proteste: Der Anlauf war nicht regelgerecht. Außerdem standen im Moment des Schusses schon drei Trierer mindestens zwei Meter tief im Strafraum, so dass der Treffer aus zwei Gründen nicht hätte zählen dürfen und der Elfmeter wiederholt werden müsste. Herrn Albrecht ist das Wurscht. Der Treffer zählt. Fragwürdige Schiedsrichterentscheidungen gegen die Eintracht, die Zwölfte.

Doch die Schiri-Schelte hält sich in Grenzen. Auslöser war schließlich der dämliche Ballverlust im Mittelfeld. Und die Eintracht bleibt ja auch dran, nimmt das Heft sofort wieder in die Hand. Beste Chancen werden wieder einmal herausgespielt und wie gewohnt routiniert ausgelassen. Vor seiner Sperre hätte Hoffmann den Kopfball aus drei Metern Entfernung zum Tor und mutterseelenallein im gegnerischen Strafraum sicher nicht so peinlich daneben gesetzt. Kurz vor der Pause macht Alex Schur seinen Fehler wieder gut und köpft eine Ecke zur erneuten Führung ein. Doch der Jubel bleibt diesmal verhaltener. Die Führung ist zwar hochverdient, aber eben viel zu knapp.

Nach dem Seitenwechsel behält die Eintracht das Spielgeschehen fest in der Hand, hält den Gegner geschickt vom eigenen Tor entfernt. Zumindest für ein paar Minuten. Dann steht plötzlich Patschinski (so langsam versteht man, warum sie in Trier keinen anderen ihrer Spieler mit Namen zu kennen scheinen) dort, wo Hoffmann in der ersten Hälfte so kläglich versagt hat, und zeigt den Frankfurtern, wie man ein solches Geschenk der Abwehr annimmt. Pröll streckt sich vergebens, der Kopfball ist drin. Der arme Markus Pröll kann einem langsam wirklich leid tun! Er gehört zu den besten Keepern der Liga, holt reihenweise schwierigste Bälle raus, und hat trotzdem die meister Gegentore aller Zweitliga-Torhüter gefangen.

Weiter passiert nicht viel. Vor allem nicht vor unserem Tor. So ist das im Moment leider mit unserer Eintracht. Die Mannschaft betreibt einen irrsinnigen Aufwand, erarbeitet sich beste Chancen, versemmelt sie stümperhaft, und schmeißt sich in der Defensive alles mit dem Hintern selbst wieder um. Aber sehen wir´s positiv: Für mich war´s der erste Auswärtspunkt in diesem Jahr – und das im fünften Anlauf ...

Nach Schlusspfiff geht es schnell wieder Richtung Bus. Am Trierer Hauptbahnhof scheint es gut abzugehen. Jedenfalls machen sich die Schlagstockträger im gestreckten Gallopp und mit Sirenengeheul eilig vom Acker. Wir irgendwann auch, zwar weniger schnell und laut, doch halten kann uns hier heute nicht mehr viel. Die Stimmung im Bus ist insgesamt eher gedrückt. Da hilft es auch wenig, dass man beim Tippspiel ins Schwarze getroffen hat. Der andere Tipp als korrektes Ergebnis wäre mir tausendmal lieber gewesen. Doch Alexanders trotzige Ansprache via Bus-Mikro hilft über den ersten Frust hinweg, den auch die anderen Zweitligaergebnisse, die sich langsam herumsprechen, mitverursacht haben. Zwar nicht bei allen (mit einem Sieg im Rücken lässt es sich eben doch einfacher ertragen, dass man am nächsten Morgen wieder früh in die Schule muss, stimmt´s Svenja? ;-) ), aber allgemein setzt sich doch nicht zuletzt wegen der großartigen philosophischen Erkenntnis, nach der kein Alkohol eben auch keine Lösung ist, die gute Laune wieder durch. Erst recht, nachdem die große Tombola angelaufen ist. Kann ja auch nichts schief gehen mit drei Glücksfeen an Bord. Jennifer, Carmen und Svenja machen einen Superjob. Die Orscheler kommen jedenfalls nicht zu kurz. Vielen Dank, Mädels!!! *g*

Die Fahrt über die nächtliche Autobahn gestaltet sich sehr gemütlich. Gegenseitige Einladungen zu den Fanclubtreffen werden ausgesprochen. Sandra, wir hoffen, am Montag ein paar von Euch im Schwanen begrüßen zu können! Nachdem die diversen Zustiegsstationen erneut abgeklappert sind und der Bus nur noch gut zur Hälfte gefüllt ist, treffen wir gegen neun wieder in Bad Homburg ein. Und auch wenn es mit dem Dreier doch wieder nicht geklappt hat: Es war wieder eine richtig geniale Auswärtsfahrt. Ein riesiges Dankeschön an die Organisatoren von den Alten Kameraden!

 

 

Orschel Eagle´s Tales from the Road
(zensiert)

„Hot Chocolate und Zwieback“ oder „Wir feiern den Abstieg“

Mit Wundern ist das so eine Sache. Wenn man fest mit ihnen rechnet, bleiben sie zumeist aus. So wird die Nacht vor dem großen Showdown in Hamburg doch vielen Eintracht-Fans als eher schlaflose in Erinnerung bleiben.
Eine andere Sache ist das mit dem Feiern. Nur wenige Unbeteiligte werden den Abend nach unserem Abstieg nachvollziehen können. Doch auch an diese Nacht werden sich jene, die dabei waren, als beinahe ebenso schlaflose erinnern. Wir sind eben Adler! Und wir sind etwas ganz Besonderes!

Samstag, 22. Mai 2004, 4:55 Uhr, Oberursel Bahnhof. Unglaublich: Felix ist schon da! Muss daran liegen, dass der Grüne Baum in Bommersheim um diese Zeit geschlossen hat. Zu zweit warten wir auf Klaus und die anderen mit dem Bus. Erste Zweifel kommen hoch: Wird Dortmund wirklich alles tun, um in Kaiserslautern zu gewinnen? Die Stammspieler haben doch fast alle schon erklärt, keinen Bock mehr darauf zu haben auch im nächsten Jahr im Ruhrpott zu kicken. Thommys Aussage von vor ein paar Wochen kommt mir in den Sinn: „Ganz egal wie die Situation ist, ob wir noch eine Chance haben oder nicht: Diese Fahrt lasse ich mir durch nichts vermiesen.“ Mit dieser Einstellung lässt sich die Reise in positiver Stimmung antreten.
Der Bus kommt natürlich aus der falschen Richtung. Klaus muss erstmal wenden. Sagenhaft: Obwohl bis dahin schon fünf Leute einzusammeln waren, kommen wir fast auf die Minute pünktlich weg. In Kirdorf steigt noch Thommy zu, und ab geht’s auf die A 5 Richtung Norden.
Der erste Eindruck im Bus ist ein vorwiegend übernächtigter. Für uns alle ist es gerade früher Morgen, für Heinzi, unseren Exil-HSVer, ist es später Abend. Bis halb fünf hat er in der Tennis-Bar in Bad Homburg die Altstars der Band Hot Chocolate genossen, ist dann in „seinen“ Schwanen gefahren und hat unser Frühstück, das wir bei erstbester Gelegenheit zu vertilgen gedenken, vorbereitet. Kaum sind wir auf der Autobahn, verkündet uns ein durchaus amüsantes röchelndes Schnarchen, dass für Heinzi gerade Zapfenstreich war. Überhaupt kann man nicht gerade behaupten, dass wir den ersten Teil der Fahrt besonders gesprächig verbringen. Klaus, unser Fahrer auf dem ersten Teilstück, Thommy und ich kämpfen in der ersten Reihe des Busses gegen die unmittelbar vor uns aufgehende Sonne. Hinter uns amüsiert sich Jörg ganz links köstlich über die Schlafgeräusche, die Zwieback und vor allem Heinzi neben ihm von sich geben. Und ganz hinten tun sich Topo, Waldemar und Felix schwer mit der Entscheidung, ob sie nun auch nochmal schlafen sollen oder nicht. Eine erste Tendenz scheint kurz hinter Gießen absehbar. Da haben irgendwelche Eintracht-Fans ein Gruß-Transparent an alle „10 000 Frankfurter auf dem Weg nach Hamburg“ an einer Autobahnbrücke aufgehängt. Gänsehaut!!! Kurz vor Alsfeld erklärt Topo die Nacht offiziell für beendet und öffnet quasi als erstes Frühstück den ersten von zwei Fünf-Liter-Kanistern Äppelwoi. Um ihn nicht ganz allein damit zu lassen, schließe ich mich bald an, und als hinter Kassel dann auch Felix mit ins Äppler-Geschäft einsteigt, ist absehbar, dass die erste Pause nur noch eine Frage der Zeit sein wird. Das Äppler-Hüpfen kommt übrigens diesmal nicht so recht in Gang. Ob das nun daran liegt, dass die Straßen Richtung Norden besser sind oder dass diesmal auf Cola-Becher (s. Stuttgart-Fahrt) gänzlich verzichtet wird, darüber darf gerne spekuliert werden.
Raststätte Göttingen, ca. halb acht. Erste HSV-Anhänger geben uns unmissverständlich zu verstehen, dass wir ja eigentlich nur zum Absteigen nach Hamburg fahren. Aber was kümmert´s eine Eiche, wenn sich die Sau an ihr schubbert? Erstmal ´nen Kaffee besorgen. So früh haben die hier offenbar nicht mit uns gerechnet. Jedenfalls macht Karin (oder hieß sie Rita?) erst nach dem dritten markerschütternden Zuruf der Kollegin die zweite Kasse auf. Mit großem Pappbecher voll trotz längerer Wartezeit (remember: Karin – oder Rita) noch immer dampfendem Kaffee wieder raus auf den Rastplatz. Heinzi hat inzwischen das Tablett mit den belegten Broten aus dem Kofferraum des Busses geholt – und sich selbst zu unser aller Belustigung erstmal in der zweiten Reihe schlafen gelegt. Ein Bild für Götter:

 


Rechts im Bild übrigens die Blumenkästen, die Heiko freundlicherweise mit löchrigen Holzbrettern versehen und so zu Getränkehaltern umfunktioniert hat. Sie haben ihren Zweck perfekt erfüllt. Ein riesen Dankeschön dafür an dieser Stelle!!!

Wir machen uns derweil über die Sandwiches her. Heute scheint wirklich nicht Thommys Tag zu sein. Dreimal greift der konsequente Käseverächter nach einem eingpackten Brot, dreimal erwischt er – na was wohl? – Käse. Getoppt wird das ganze noch, als wir feststellen, dass das die drei einzigen Käsesandwiches im Angebot waren ...

Nach so einem guten Frühstück will man sich vor der Weiterfahrt natürlich nochmal erleichtern. Jörg, Fenster – auch offen stehende – sind nicht dazu da, dass man durch sie ein Gebäude verlässt! Dass ich gerade in dem Moment, als Du Deine Klettertour begonnen hast, die Toilettentür geöffnet habe, war übrigens keine Absicht (zumindest kleine böse *g*).

Waldemar übernimmt das Steuer – „aber nur für 100 Kilometer!“ Vorher müssen wir noch Heinzi mehr oder weniger unsanft aus seinen, wie er uns mehrfach bestätigt, sehr anregenden Träumen reißen. Ich habe mich inzwischen in die letzte Reihe und somit näher an die Getränkequelle begeben. Mein Stuttgart-Trauma war mir eine Lehre! Bei Bier und Äppler vergeht der Rest der Fahrt vorbei an Expover und durch die Lüneburger Heide wie im Flug. Und als wir endlich in Hamburg ankommen, sitzt Waldemar immer noch am Steuer. Nachdem wir uns zum ersten Mal verfahren haben (Thommy: „Ich hab´s gewusst! Das passiert mir hier jedesmal!“), steuern wir eine Tankstelle an. Mann, die Pause war wirklich bitter nötig! ;-)

Erfreulich schnell finden wir am Berliner Tor einen Parkplatz und begeben uns von dort aus per U-Bahn zum Rathaus, in dessen Nähe unsere Pension liegt. Nach dem Check-in stürmen wir die Pizzeria in der Rathausstraße. Dort ist man offenbar auf uns gar nicht eingestellt, und so muss bald ein Angestellter los, um die Biervorräte zumindest notdürftig wieder aufzufüllen.

Vom Jungfernstieg aus geht´s dann mit der S-Bahn zur AOL-Arena. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichen wir schließlich das Stadion. Was für eine geile Arena! Wahnsinn! Wenn unser Waldstadion auch nur annähernd so toll wird, können wir uns wirklich freuen! Noch beeindruckender sind nur die Massen Frankfurter. Es sind tatsächlich über zehntausend. Einfach nur geil!!! Ich sehe mich ein wenig um. Auf der Suche nach den DRKlern aus Orschel, mit denen ich verabredet bin, treffe ich auch die Führungsriege der Taunus Adler. Die gegnerische Aufstellung wird ganz gegen unsere Gewohnheiten lautstark begleitet, was Heinzi offenbar sehr erschreckt: „Ihr seid ja Fanatiker!“ Gegen 15:30 Uhr wissen wir: Heute kann nichts schief gehen!

Um 15:36 sind wir abgestiegen. Die Kartoffelbauern haben den Dortmundern irgendwie einen reingestolpert. Und jeder hier in Hamburg ahnt: Das war´s.

Hier ist der HSV besser. Nichts ist´s mit „für die geht´s eh um nix mehr“. Doch Amanatidis schießt trotzdem das 0:1. Riesenjubel. Wir sind im Soll. Jetzt muss nur noch Dortmund ... Von wegen! Der HSV schafft prompt den Ausgleich. Wie gewonnen, so zerronnen. Und in der zweiten Halbzeit fällt auch noch das zweite Tor für Hamburg. Jetzt brauchen wir erstmal noch zwei Treffer, bevor wir wieder in die Pfalz blicken können. Und Willi „Ich-bin-noch-nie-abgestiegen“ Reimann wechselt aus. Die gesamte Offensive. In der Kurve bricht der blanke Hass los. Dass er dafür drei ebenfalls offensive Spieler bringt, spielt keine Rolle mehr. Zu einem Zeitpunkt, wo nur noch eine taktische Änderung hin zur totalen Offensive die Wende bringen kann, tauscht er lediglich das Personal aus. Reimann hat damit ganz offensichtlich die Waffen gestreckt. Wir Fans noch lange nicht! Der Support ist einfach unbeschreiblich! Dortmund schafft endlich den Ausgleich. Plötzlich scheint es doch wieder möglich. Doch die Mannschaft kann den Rückenwind aus der Kurve nicht aufnehmen. Sie kämpft und rackert, erspielt sich auch Möglichkeiten. Doch die Minuten verrinnen, und mit ihnen schwindet auch zunehmend unsere Hoffnung. Schließlich finden wir uns mit dem Unvermeidlichen ab: „SGE – wir sind da – jedes Spiel – ist doch klar – zweite Liga – tut so weh – scheißegal – oh SGE“. Aus zehntausend Kehlen klingt das mehr als trotzig. Es klingt wie ein Schwur!

Der Schlusspfiff beendet eine Episode. Wir sind definitiv wieder ein Zweitligist. Waldemar hat daran am meisten zu knabbern. Versuche ihn zu trösten, sind von wenig Erfolg gekrönt. Wir bleiben noch längere Zeit im Stadion, feiern die Mannschaft, die alles gegeben hat, und genießen nochmal die Bundesliga-Atmosphäre. Die Stadien im nächsten Jahr werden zwei bis drei Nummern kleiner sein ...

Ein großes Dankeschön sei an dieser Stelle an (fast) alle HSV-Anhänger erlaubt. Obwohl wir abgestiegen sind, war weder im Stadion noch auf dem Weg zurück in die Stadt Häme zu spüren. Charakteristisch die folgende Szene: Nach Schlusspfiff baut sich ein einzelner pubertierender Hamburger vor unserem Stehblock auf und brüllt „Absteiger! Absteiger!“ Dafür sieht er sich einem Bombardement aus mindestens 25 vollen Bierbechern ausgesetzt, die einen begossenen Pudel hinterlassen, der obendrein noch von den eigenen Kumpels lauthals ausgelacht wird. Ein Bild für Götter! Selbst aus dem harten Kern des HSV-Anhangs wird später höchstes Lob für unsere Fan-Leistung geäußert. Man muss ja nicht unbedingt befreundet sein. Aber es ist einfach geil, wenn sich zwei Fangruppen, die in etwa auf Augenhöhe miteinander sind, gegenseitig respektieren! Meine Meinung! Die S-Bahn-Rückfahrt ist bestimmt von trotzigen „Wir-steigen-wieder-auf“-Gesängen, die nicht selten von Hamburger Seite mit Ausdrücken wie „hoffentlich!“

[Wenn böse Zungen jetzt behaupten, an den nun folgenden Abend könnte ich mich einfach nur nicht mehr erinnern, so haben sie damit vielleicht Recht. Vielleicht aber auch nicht? Diejenigen, die mit waren, kennen die Antwort. Und unsere Mitglieder, die nicht dabei waren, kennen das Passwort. *gg*] Klickt euch hier zum Mitgliederbereich

Eigentlich wollten wir Sonntag ja ganz früh zum Fischmarkt. Aber irgendwie bin ich von der verabredeten Fraktion der einzige, der tatsächlich wie ausgemacht um halb acht aus dem Bett gefunden hat. Aber ich bin ja ein verständnisvoller Mensch – was auch immer gestern abend passiert ist. Als nach einiger Zeit noch immer keiner irgendwelche Anstalten macht, seinen Koma-Zustand (vermute ich jetzt einfach mal *g*) zu verlassen, mache ich mich allein auf Entdeckungstour Richtung Jungfernstieg.

Hamburg ist eine faszinierende Stadt, besonders wenn noch keine Touristen unterwegs sind und die sozialen Narben im Gesicht einer Weltstadt ungeschminkt zu sehen sind. Obdachlose, die in Geschäftseingängen wie tot in ihren Schlafsäcken liegen. Kinder, die auf der Suche nach etwas Essbarem von einem Mülleimer zum nächsten laufen. Der frühe Sonntagmorgen ist in dieser Hinsicht prädestiniert für besonders intensive Erfahrungen und Bilder, die man nicht so schnell vergisst. Vielleicht haben mir auch diese Impressionen, dieses zufällig bewusst wahrgenommene Elend den an sich eher bedeutungslosen Abstieg meines Fußball-Vereins leichter gemacht ...

Als Felix, Jörg und Thommy schließlich gegen halb zehn endlich aus den Federn finden, sind diese Randfiguren des Hamburger Alltags längst von den langsam in immer größerer Zahl auftauchenden Touristen verdrängt worden. Da es für den Fischmarkt längst zu spät ist, beschließen wir ausgehungert, uns auf die Suche nach einem Frühstück zu machen. Am Jungefernstieg werden wir fündig. Wir setzen uns auf den Platz vor dem Café Fidel, einem Bistro mit kubanischem Flair. Hinter dem Café liegt die Binnenalster, in die andere Richtung geht der Blick auf das Rathaus (Der erste Bürgermeister heißt übrigens nicht, wie fälschlich von mir behauptet, Beule von Ost, sondern tatsächlich Ole von Beust. Das nur so am Rande [Nachtrag: „Beule von Ost“ hat mein Rechtschreibprogramm ohne Murren akzeptiert – „Ole von Beust“ nicht. Ich finde, der Mann sollte sich mal Gedanken über seinen Namen machen ...]). Wir genießen ein super Frühstück zum zivilen Preis, Kaffee aus Tassen so groß wie Müsli-Schüsseln - und Bedienungen, die – ach, einfach wow!!! Thommy hat die erste Anekdote des Tages parat: „Ronny hat mich heute morgen um sechs rum mehrfach völlig breit auf dem Handy angerufen und wollte uns zum Fischmarkt lotsen. Aber ich konnte echt nicht. Ich hatte sooo ´nen Kopp! Hab dann das Handy abgestellt und doch weitergepennt.“

Schade, dass wir nicht länger hier sitzen bleiben können! Schließlich müssen wir um elf die Zimmer in der Pension geräumt haben. Und dann müssen wir uns ja auch noch drauf einstellen, den Rest der Truppe zusammenzusuchen. Mit Klaus ist das kein Problem: Der hat tatsächlich bis halb elf gepennt. Wir finden ihn vor dem Schminkspiegel (!) in seinem Zimmer. Wird Häuptling Silberlocke auf seine alten Tage etwa noch eitel? Topo und Waldemar, so erfahren wir per Handy, waren doch noch auf dem Fischmarkt. Heinzi ebenfalls. Nur von Zwieback fehlt jede Spur. In der Pension war er diese Nacht ganz offensichtlich nicht. Also noch etwas warten. Wir gehen mit Klaus zurück zum Café Fidel. Schließlich wollen wir ihm noch ein gutes Frühstück gönnen – und uns einen weiteren Kaffe bei traumhafter Aussicht (das darf jetzt jeder verstehen wie er will). Felix erklärt sich bereit, vor der Pension auf die Fischmarkt-Touris zu warten. Um die Mittagszeit sitzen wir schließlich zu acht am Jungfernstieg. Und noch immer heißt es: Wo ist Zwieback? [Muss eigentlich bei jeder Auswärtsfahrt von uns einer verschütt gehen? Auf Schalke und in Dortmund Bernhard, in Stuttgart der Opa und jetzt hier in Hamburg Zwieback, dessen Mitfahrt wir übrigens Heinzi zu verdanken hatten. Wie wär´s: Wir versuchen mal, einen bundesweit aktiven Suchdienst als Sponsor zu gewinnen. *g*]. Heinzi spricht ihm auf die Mailbox: Bitte melde dich!

Wir beschließen, langsam Richtung Bus zu laufen. Waldemar stellt fest, wie sauber Hamburg doch im Vergleich zu Frankfurt ist – was zwei Erkenntnisse nach sich zieht: Erstens, dass Waldemar den Abstieg inzwischen offenbar weitgehend verdaut hat und sich wieder anderen Themen zuwenden kann, und zweitens, dass er mit seiner Anmerkung absolut Recht hat. Als wir kurz nach halb eins am Bus ankommen, gibt es von Zwieback noch immer kein Lebenszeichen. Noch länger zu warten, erscheint uns sinnlos, so dass wir gegen eins losfahren. Kaum haben wir die Innenstadt verlassen und uns glücklich zur Autobahn durchgekämpft, meldet sich Zwieback. Er hat eine Mitfahrgelegenheit zurück nach Orschel. Besonders Jörg und Heinzi genießen auf der Rückfahrt in der zweiten Reihe mehr Platz im Bus.

Für den ersten Teil der Fahrt übernehme ich trotz Stuttgart doch nochmal das Steuer. Die Verkehrsmeldungen verheißen nichts Gutes: 800 Kilometer Stau zwischen Flensburg und Füssen (oder so ähnlich). Bei Soltau schlagen wir uns noch in die Büsche und wagen eine Entdeckungsreise über die Landstraßen der Lüneburger Heide. Als wir bei Fallingbostel die A 7 wieder erreichen, sind wir schon über zwei Stunden unterwegs – und haben gerade mal knapp hundert Kilometer seit Hamburg geschafft. „Geschafft“ ist ein gutes Stichwort! Das war ich nämlich zu diesem Zeitpunkt auch schon. Halb acht heute früh war wohl doch etwas zu zeitig.

Felix übernimmt. Sicher wird nachher noch ein dritter dran glauben müssen, bei dem was uns offenbar noch bevorsteht. Fast scheint es, als werden die Verkehrsdurchsagen nur durch die stündlichen Nachrichten unterbrochen. Trotzdem ist die Stimmung glänzend. Die Leidensgenossen im Stau um uns herum staunen nicht schlecht. Ein Bus mit Fußballfans, deren Verein gestern abgestiegen ist – und so eine Stimmung?

Als wäre diese mehr stehend als fahrend verbrachte Rückfahrt und unser Abstieg nicht schon grausam genug, zeigt uns zu allem Überfluss der Fußballgott nun auch noch sein blankes Hinterteil: Der Super-GAU tritt ein: Mainz 05 wird dank Thurkdusau (versehentlich?) Dritter in Liga zwei und nimmt somit im nächsten Jahr UNSEREN Platz in der Bundesliga ein. Aachen war einfach zu blöd! Der Schock lässt sich nur langsam verkraften. Doch nach und nach siegt bei den meisten die Vernunft. Die Mainzer waren einfach endlich mal dran! Sie haben es verdient! Und dass es im nächsten Jahr nicht zum Derby kommt, daran sind wir ganz allein schuld!

Im McDonalds in Kassel sollte man übrigens nicht die in den Werbespots des Konzerns dargestellten Verhaltensweisen an den Tag legen (es geht um die 60 Sekunden-Wette: Wer nicht in einer Minute seine Bestellung komplett bekommen hat, kriegt ein Freigetränk. In den Spots versuchen die Gäste natürlich mit allen Mitteln, die Minute herunterlaufen zu lassen.). Ich hab´s probiert. Aber die Dame hinter der Theke fand das gar nicht witzig. Für so viel Humorlosigkeit ist man eigentlich nur noch zu bemitleiden! Schlimm, wenn der Arbeitgeber einen Humor vorgibt, den die Angestellten einfach nicht teilen wollen oder können. Einfach schade!

Entweder hat Klaus jetzt die Schnauze voll von dem Dauerstau oder das Essen hat ihm nicht geschmeckt. Jedenfalls ist er so frustriert, dass er Thommys Finger beim Zuschlagen seiner Tür als Prellbock benutzt. Okay, war keine Absicht! Und Thommy („Ich hab jetzt echt Sterne gesehen!“) ist ja auch hart im nehmen. Opfer müssen schließlich gebracht werden. ;-) Bis Butzbach geht´s weiter nach dem Stop-and-Go-Prinzip. Und die Stimmung steigt trotz aller Widrigkeiten weiter an. Am Ende der Fahrt haben wir zehn Liter Äppler und etliche Flaschen Bier geleert. Thommy wird in Kirdorf rausgeworfen, Felix nach Hause – also in den Grünen Baum in Bommersheim – gebracht. Und das hat er sich absolut verdient! Felix, ich wiederhole mich: Ganz große Leistung, im Alleingang rund 500 Kilometer Stau herunterzureißen! Hut ab!

Hamburg war mit Sicherheit die beste unserer Auswärtsfahrten in dieser Saison. Danke an alle, die dabei waren und diesen Trip zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht haben! Und ich bin sicher: Hamburg 2004 wird in unserem EFC zur Legende werden. Wiederholung ausdrücklich erwünscht!

Jungs, ich freu´ mich auf die nächste Saison! Da kriegen wir sicher auch die eine oder andere Auswärts-Tour hin. Ob allein oder mit den Taunus-Adlern: Dann wird´s auch mal `nen Auswärtssieg zu feiern geben. Versprochen!


Orschel Eagle

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Orschel Eagle´s Tales from the Road

„Frau Rauschers Rache“ oder „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“


Vier Spiele ohne eigenes Tor. Den Zweitliga-Abgrund direkt vor Augen. Und weit und breit kaum ein Fünkchen Hoffnung in Sicht. Welche Veranlassung sollte ein überwiegend rational denkender Mensch noch haben, einer Fußballmannschaft hinterher zu reisen, die offenbar selbst Zweifel daran hat, eine solche überhaupt zu sein?
Der gemeine Eintracht-Fan ist leidensfähig – oder völlig bekloppt. Je nach Sichtweise. Jedenfalls begeben sich auch an diesem Samstag wieder riesige Scharen dieser Spezies ins Land der Spätzle und Maultaschen, wohl wissend, dass schlimmstenfalls auch eine derbe Klatsche drin sein kann. Egal. Unter den tausenden Frankfurtern sind auch wieder ein paar Unverwüstliche von der Taunusquelle dabei. Diesmal im „eigenen“ Neuner-Bus. Die Frage nach den Fahrern war schon frühzeitig geklärt: Thommy hinzugs, ich zurück. Eine Entscheidung, die ich noch schwer bereuen sollte ...

Petrus scheint heute seinen freien Tag zu haben: Nicht nur, dass es nicht regnet; nein, es scheint sogar die Sonne! Ein völlig neues Auswärtsfahrt-Gefühl in diesem Jahr. Wehende Schals an Seiten- und Hintertür lassen keinen Zweifel daran aufkommen, in wessen Namen wir unterwegs sind. Interessiert wird beim Überholen ein Blick in die anderen Autos geworfen. Irgendwie scheinen vor allem bei Sportwagen die jungen, gutaussehenden Damen zur Grundausstattung zu gehören. Jedenfalls fordert die hintere Bank nach vollendetem Überholvorgang mehr als einmal vehement eine Vollbremsung, um zumindes an Adresse und Telefonnummer der Beifahrerin zu kommen – oder sie gar zum Umsteigen in unseren Bus zu bewegen. „Der Typ daneben kann ja ruhig den Wagen behalten!“

Zu diesem Zeitpunkt steht es 4:3 für Topo. In welcher Disziplin? Nun, nennen wir sie mal „Äpplerhüpfen“. Die Regeln sind denkbar einfach: Es geht darum, Schäden in der Fahrbahndecke der bundesdeutschen Autobahnen geschickt auszunutzen, um einige Spritzer Ebbelwoi kunstvoll aus dem Becher hüpfen zu lassen und sie möglichst geschickt über die eigene Hose zu verteilen. Topo beherrscht diese Disziplin meisterhaft und liegt schnell in Führung. Wohl auch deshalb, weil Heiko diesen Sport offensichtlich noch nicht lange ausübt und bald dazu übergeht, den Becher nur noch halb zu füllen. Und während sich die beiden einen heißen Wettkampf liefern, findet auch Marco Gefallen an diesem Spiel. Was für eine Aufholjagd!
He, Ihr drei: Falls jetzt irgendjemand behauptet, das hättet Ihr alles nicht absichtlich gemacht, dann kann es für Eure speierlingsdurchtränkten Textilien nur ein Erklärung geben: Frau Rauscher war sauer auf Euch, und Ihr wurdet Opfer ihrer Rache! Wie kann man auch des gude Stöffsche aus Coca-Cola-Bechern trinken!!! Solch ein unentschuldbarer Stilbruch gehört einfach bestraft! ;-)

Für den Brüller der Hinfahrt sorgt Fahrer Thommy. Neben und hinter ihm geht es relativ feuchtfröhlich zu (mich natürlich ausgenommen, ich muss ja nachher noch ans Steuer! Gemeinheit!), und der einzige, der auf der gesamten Fahrt nicht einen Tropfen Flüssigkeit zu sich genommen hat, braucht als erster eine Pinkelpause! Ohne Worte!!! Auf dem Parkplatz bei Heilbronn sind wir natürlich nicht die einzigen Adler. Hinter uns stoppt ein Wagen, aus dem schon vor dem Öffnen der Türen laute Onkelz-Musik ertönt. Jetzt wissen wir auch, was uns bislang auf dieser Fahrt gefehlt hat! Warum hat dieser komische Bus kein Radio? Unsere beiden Raucher nutzen die Pause für vier (!) Zigaretten.

Nach diversen mehr oder minder erfolgreichen Telefonatsversuchen via Handy (Topo, Dein Geduldsfaden ist wirklich nicht der längste!) erreichen wir schließlich die schwäbische Metropole. Einige lautstarke Gesangsduelle von Bus zu PKW und etliche hundert Meter stockenden Verkehrs später finden wir relativ nahe am Stadion einen ganz ordentlichen Parkplatz. Thommy kann es kaum erwarten, die Autoschlüssel los zu werden. Und dann geht´s erstmal zum Frühlingsfest auf die Cannstadter Wasen. Hier fällt auf, dass das Thema Rinderwahn offenbar immer noch nicht bis ins Schwabenland vorgedrungen ist. Jedenfalls konnte die junge Dame in der Würstchenbude mit dem Begriff „BSE-Lutscher“ nichts anfangen. Es ist schon ziemlich lange her, dass ich ausdrücklich eine Rindswurst bestellen musste, um eine zu bekommen. Doch dieses Problemchen ist erst der Anfang meines laaaaangen Leidensweges, der hier vor dem Eingang zum Bierzelt beim Wasen-Wirt seinen Anfang nimmt ...

Ich versuche erst gar nicht, den Rest der Truppe vom Betreten des schwülen Bierzeltes abzuhalten. Das ist von vornherein aussichtslos. Rücksicht auf den Fahrer ist von diesem Haufen ja eh nicht zu erwarten! ;-) Und meine schlimmsten Befürchtungen soll ich bereits fünf Minuten später erfüllt sehen: Wir sitzen zu acht an einem Tisch, auf dem sechs volle Masskrüge und ein Weizenbier stehen. Und ein Pappbecher Cola. Jungs, ich danke Euch von Herzen für diese Demonstration Eurer Kameradschaft. Nicht einer von Euch hat aus Solidarität mit mir verzichtet! Das nächste Mal schaut Ihr MIR beim Saufen zu! ;-)

Als wir das Zelt verlassen, rollt von links aus Richtung Hauptbahnhof die schwarze Masse der Frankfurter Ultras an. Und wir sind plötzlich mittendrin. Das bedeutet ab hier mehr oder weniger freundlichen Geleitschutz bis zum Block. Einer von uns sucht ziemlich auffällig ständig die Nähe der Uniformierten. Insbesondere eine junge Polizistin hat es ihm offensichtlich angetan. Leider wird der vielversprechende Flirtversuch beim Abbiegen in die Fritz-Walter-Straße (was hatte der eigentlich mit Stuttgart zu tun?) abrupt beendet. Noch eine generalstabsmäßig organisierte Einlasskontrolle, und wir können in den Block D. Wir schieben uns nach oben und finden fast ganz hinten noch genügend Platz für die ganze Truppe. Nach und nach trudeln alle hier oben ein. Thommy geht mit unserem Opa in den Sitzblock darunter. Und das Spiel beginnt.

Der Support in der ersten Halbzeit ist einfach gigantisch! Über weite Strecken ist nur die Eintracht-Kurve zu hören. Die Mannschaft steht recht gut in der Defensive. Neun Mann riegeln den eigen Strafraum weitgehend hermetisch ab. [Kleiner Einwurf: Was haben wir früher geflucht, wenn ein Gegner mit dieser taktischen Grundausrichtung im Waldstadion angetreten ist! So ändern sich die Zeiten! Willkommen im Armenhaus des Deutschen Fußballs!]. Nach vorne geht wie üblich nicht viel. Nur einmal sorgen wir für Gefahr vor Hildebrands Tor, doch ein Abwehrbein kann für den schon geschlagenen Stuttgarter Keeper gerade noch unser erstes Tor nach über vier Spielen verhindern. Das ganze geschieht kurz vor der Pause. Diese einzige Chance – und im Gegenzug das offenbar unvermeidliche Gegentor. Kevin Kuranyi, dem scheinbar inzwischen wieder jemand gesagt hat, wo das Tor steht, schießt an den Innepfosten. Und weil Stuttgart eben Tabellendritter ist, kullert die Kugel fast in Zeitlupe hinter die Linie.
Aus dem bisherigen Saisonverlauf wissen wir alle ja, was das bedeutet: Das Spiel ist entschieden. Das 2:0 kurz nach der Pause durch ein (objektiv gesehen wirklich schönes) Solo von Hleb wird genauso nur noch zur Kenntnis genommen wie später der dritte Stuttgarter Treffer durch Bordon. Einziger Höhepunkt aus unserer Sicht ist das Ende der eigenen torlosen Zeit durch einen abgefälschten Fernschuss von Alex Schur. Thommy und Opa haben´s schon gar nicht mehr gesehen und statt dessen lieber kastrierte Schwabenplörre konsumiert.
Die Fans haben mit dem 3:0-Treffer der Stuttgarter den Abstieg hingenommen. Die letzten Minuten ist fast nur noch ein Gesang zu hören: „SGE – wir sind da – jedes Spiel – ist doch klar – zweite Liga – tut so weh – scheißegal – oh SGE“. Erst recht als die anderen Endergebnisse bekannt werden.

Auf Riesenumweg zurück zum Bus. Bernhard ist ja heute nicht dabei. Das heißt IHN müssen wir nicht suchen. Dafür fehlt plötzlich unser Opa. Marco beschließt, ein Stück Richtung Stadion zurück zu laufen und ihn zu suchen. Doch kaum ist Marco drei Minuten in die eine Richtung verschwunden, taucht Opa aus der anderen auf. Also Marco hinterher telefonieren. Bis endlich alle da sind, geht es auf halb sieben zu. Ein paar Schoppen im Nieselregen (für mich natürlich nur Mineralwasser – grummel!), dann setzen wir uns in Bewegung. Wir fahren quer durch Stuttgart und stellen fest, dass hier samstags abends auch nicht mehr los ist als in Orschel. Bloß weg von hier!

Der Bus fährt sich ganz angenehm. Aber die Anstiege machen ihm schwer zu schaffen. Frustrierernde Erfahrung, nur durch ein kurzes Stück Steigung ruck-zuck dreißig bis vierzig km/h zu verlieren! Waldemar hat sich an der Niederlage offenbar ziemlich verschluckt. Jedenfalls dröhnt sein Husten minutenlang durch den Bus. Und irgendeine Volleule im Heck des Busses teilt seine Darmwinde mit uns. Natürlich will´s keiner gewesen sein! Es wird schon bald Zeit für eine Pause.

Kurz vor Heilbronn entdecken wir das Symbol des Gasthofs „zum goldenen M“ und machen Rast. Das Wetter ist wieder schön, so dass wir uns draußen niederlassen. Nebenan toben die einheimischen Kinder lautstark auf den McDonald´s-Spielgeräten. Auch Rosicky im Mini-BVB-Trikot ist dabei. Eltern können bei der Erziehung so erbärmlich versagen – sogar hier in Schwaben! Heiko trifft mal eben eine erzieherische Maßnahme: „Ist jetzt hier mal Ruhe?“, dröhnt es über die Terrasse. Die Kinder sind sofort totenstill und stehen da wie angewurzelt. Auch wir sind einen Moment völlig perplex, ehe wir in lautes Gelächter ausbrechen.

Bevor es wieder auf die Autobahn geht, überlegen wir noch kurz, ob wir Jörgs Schwester in Heilbronn noch einen Besuch abstatten. Ist schließlich ihr Geburtstag. Jörg ist ja auch dort. Und vor allem ist unser Vorrat an kalten Getränken inzwischen aufgebraucht! --- Warum haben wir es eigentlich dann doch nicht gemacht???

Ich steuere auf ausdrücklichen Wunsch noch eine Tankstelle an, stelle den Bus ab und warte was passiert. Gar nichts. Keiner steigt aus, keiner sagt was. Und dann fragt auch noch jemand, was wir denn hier machen. Wollt Ihr mich verarschen??? Ich bin kurz davor, die ganze Truppe rauszuschmeißen und den Rest des Weges allein zu fahren. Ihr könnt Euch ja zu Jörgs Schwester durchfragen! ;-)
Schließlich gibt Heiko zu, dass er um den Halt gebeten hatte, steigt aus, holt ein kaltes Sixpack – und ist plötzlich der gefragteste Businsasse. Jungs, Ihr seid schon echt ein Sauhaufen! Wird Zeit, dass ich beim nächsten Mal wieder richtig dabei bin!

Kurzes Rechenspiel: Sixpack, acht alkoholfähige Insassen, da kommen auf alle Fälle zwei zu kurz! Und weil Topo schon mit dem mehrfach wiederholten Gesang der Tote Hosen-Hymne „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ die Parole für die Rest-Rückfahrt ausgegeben hat, werden auch die inzwischen pisswarmen Biervorräte im Heck des Busses angetastet. Irgendwo auf der A 6 muss es dann ein ganz großes Loch in der Fahrbahndecke gegeben haben. Jedenfalls kommt die gereichte Flasche zwar bei Thommy an, ihr Inhalt jedoch will teilweise noch etwas weiter – und wird unsanft von der Windschutzscheibe gebremst. Erste nervöse Zuckungen setzen bei mir ein. Am Hockenheimring könnte ich doch ein paar Leutchen da hinten vor die DTM-Boliden stoßen! Ich verwerfe derlei Gedankenspiele; Augen zu (natürlich nicht wirklich) und durch! Ob Marco von alledem irgend etwas mitbekommen hat, ist unklar, jedenfalls scheint er inzwischen tief und fest zu pennen. Opa frustriert mich mit seinen Erzählungen von früher, als das Bahnfahren noch erschwinglich war und man auch noch zu Fußballspielen gehen konnte, ohne gleich den Kreditrahmen sprengen zu müssen. Eine weitere anonyme „Duftmarke“ wird ebenfalls gesetzt. Und zwischendurch immer wieder Topos „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“. Ich bin froh, als Thommy (ja, schon wieder Thommy! Aber diesmal hat er ja auch einen Grund!) um die erste Pinkelpause bittet. Rasthof Lorsch. Ich brauch ´ne Auszeit von meiner „Fracht“. Als ich mit meiner x-ten Cola heute aus dem Shop zurückkomme, stehen sie alle um den Bus rum. Bei einigen ist es wirklich überraschend, dass das noch funktioniert! ;-)

Die letzte Etappe. Der Blitzer am Darmstädter Kreuz ist definitiv eingeschaltet: Gegenüber blitzt es unübersehbar. Wir nähern uns – „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ – dem Flughafen. Die Heimat kommt in Sicht. Bei Eschborn geht´s – „Kein Alkohol ist auch keine Lösung“ – runter von der Autobahn und über Oberhöchstadt Richtung Orschel. Jeder wird nach Wunsch abgesetzt. Schließlich auch Thommy in Kirdorf. Wir beseitigen noch Eure Spuren von den Rückbänken. An dieser Stelle mal ein ernstes Wort: Jungs, das nächste Mal bitte etwas mehr Aufmerksamkeit beim Aussteigen! Ist nicht wirklich schön, wenn der freiwillige Fahrer – wer auch immer das ist – am Ende auch noch Euren Dreck entsorgen muss!

Alles in allem war´s wieder eine richtig geile Fahrt! Ich freu mich jetzt schon auf Hamburg! Das wird Kult! Und da muss ich dann auch nicht fahren! JJJ


Ps.: Ein kleines Rückrunden-Auswärts-Fazit: 4 Spiele, 0 Siege, 0 Punkte, 1 Tor, 8 Gegentreffer. Es soll aber bloß keiner auf die Idee kommen zu behaupten, der Abstieg wäre unsere Schuld gewesen! ;-)

Orschel Eagle

 

Orschel Eagle´s Tales from the Road

„Was ist denn bloß mit Willi los“ oder „Zwei Tribünen zuviel“

Rückblende: Es ist noch keine elf Monate her, dass unser Bus ins Ruhrgebiet den Ostteil dieser Region großräumig umfahren musste, und wir in Massen ins zwar alte aber eben nicht unbedingt altehrwürdige Niederrheinstadion zu Oberhausen einfallen mussten. Damals sorgten etwa siebentausend Eintrachtfans im gegnerische Stadion für eine Heimspielatmosphäre. Heute sind etwa genau so viele Adler unterwegs, wieder ins Ruhrgebiet. Doch das mit der Heimspielatmosphäre wird ungleich schwieriger werden: Wir werden uns mit einer etwa zehnfachen gegnerischen Übermacht konfrontiert sehen.

Das Sprichwort „Wenn Engel reisen, scheint die Sonne“ kennt wohl jeder. Wir Adler haben zwar Flügel, doch scheint irgendwer erhebliche Zweifel daran zu haben, dass wir auch Engel sein können. Dass unser Image nicht das Beste ist, diese Tatsache haben wir ja bereits kultiviert („Wir sind Adler, keiner mag uns, scheißegal!“). Dass aber offenbar sogar Petrus etwas gegen uns hat und bei unseren Auswärtsfahrten von Schnee bis Dauerregen alle Elemente aus seinem Lager über uns kommen lässt, macht uns doch ein wenig nachdenklich. Aber nur ganz kurz!

Die Stimmung ist wieder prächtig, als wir kurz nach zehn Orschel in Richtung Autobahn verlassen. Uli kommt gar nicht erst dazu, uns alle per Mikro zu begrüßen (Da hast Du aber auch viel zu früh aufgegeben! Ein wenig mehr Durchhaltevermögen bitte! ;-) ) . Diesmal haben wir sogar ein paar wenigen Borussen Bus-Asyl gewährt. Unterwegs wird bald klar, wie abgrundtief schlecht es um den Patriotismus des gemeinen Hessen bestellt ist. Etwa die Hälfte der Busse in Richtung Dortmund trägt eine sehr zweifelhafte Fracht: Sie sind angefüllt mit einer schwarz-gelben Masse, aus der ab und zu dieses grauenhafte textmarkergelbe Trikot von vor ein paar Jahren auftaucht, das damals offenbar in erster Linie den Gegner erblinden lassen sollte. Die Nummernschilder dieser Busse? OF, HU, GI ... Einen Moment lang überlegen wir, ob wir unseren Borussen-Ballast an der nächsten Raststätte gegen ein paar von den armen Kreaturen in Eintracht-Montur, die sich Gott weiß warum in diesen Bussen befinden (müssen?), austauschen sollen.

Doch unsere Großherzigkeit ist an diesem Tag einfach grenzenlos. Davon profitiert auch jener Mitfahrer im Eintracht-Trikot, dessen Name hier aus Rücksicht vor seiner Familie und seinen Freunden verschwiegen wird, als er allen Ernstes verkündet, die OFC-Tankstelle an der Bieberer Straße sei doch eigentlich eine ganz tolle Sache. Alleine dafür hätte er es verdient, dass wir auf freier Strecke anhalten und ihn mitten im Sauerland und im strömenden Regen einfach aussetzen. Doch wir verzichten darauf. Wahrscheinlich sind in diesem Moment ohnehin so viele unausgesprochene Flüche über ihn gekommen, dass er diese Aussage für den Rest seines Lebens bereuen wird. Dennoch sollte für eine solche verbale Entgleisung fanclubintern mal über eine lebenslange Zahlungsverpflichtung des Übeltäters bezüglich aller Deckel bei jedem Fanclubtreffen diskutiert werden ;-)!. Immerhin bringt uns das auf ein dankbares Thema: Den glanzvollen Auftritt des Getto-Vereins vom Vorabend. Mit deren 0:5-Heimpleite rückt das Derby mal wieder in greifbare Nähe! Unsere Amateure freuen sich schon drauf!

Inzwischen haben auch Manus promillente Spezialvorräte schon rapide abgenommen. Und während wir noch dabei sind zu klären, was der Unterschied zwischen gewaltbereit und gewaltig breit ist, tauchen mit den ersten Förderanlagen auch schon die Zeugen sinnloser Subventionierung auf und teilen uns mit, dass wir das Ruhrgebiet erreicht haben. Überraschend schnell steuern wir einen Parkplatz an, der sich hinter einem großen Hotel befindet. Sofort brandet Jubel auf, als wir vor dieser Bettenburg den Mannschaftsbus der Eintracht ausmachen. Damit wäre der Hintergrund für das heutige Erinnerungsfoto gefunden. Thommy hat eine Kamera dabei. Doch irgendwie kommt er mit der verflixten Technik nicht klar – und darf sich dafür einen spöttischen Gesang frei nach Betzenberg anhören: „Thommy ist ´ne Frau, Thommy ist ´ne Frau, Thommy, Thommy, Thommy ist ´ne Frau!“ Da wir gerade in Stimmung sind, probieren wir es einfach mal und fangen vor dem Hoteleingang laut zu singen an: „Wir woll´n die Mannschaft seh´n, wir woll´n die Mannschaft seh´n, wir woll´n, wir woll´n, wir woll´n die Mannschaft seh´n.“ Tatsächlich werden in einigen Zimmern die Vorhänge zurückgezogen, doch von wem, das bleibt uns verborgen.

Es folgt ein laaanger Fußmarsch zum Stadion. Dort wollen wir uns mit Martin treffen. Jörg übernimmt die Führung (dass wir Martin ansonsten vielleicht früher gefunden hätten, ist übrigens reine Spekulation! ;-) ). Als wir uns endlich getroffen haben, ist unser Block schon so gut gefüllt, dass sich einige entschließen, gleich hinein zu gehen, um sich noch gute Plätze zu sichern. Wir hätten es uns gespart, wenn wir geahnt hätten, dass es in diesem Block überhaupt keine guten Plätze gibt.

Block 8 im Westfalenstadion ist mit Abstand die mieseste Abzocke, die ich seit dem alten Mainzer Block M erlebt habe. Vier Stufen, jeweils etwa einen Meter tief, die höchste ungefähr fünfzig Zentimeter über dem Rasen, ein zweieinhalb Meter hoher Zaun mit fingerdicken Gitterstäben und ein Dach, das zwar an sich bis zum Spielfeldrand hinausragt, bei der unglaublichen Höhe der Konstruktion für unseren Block jedoch überhaupt keine Wirkung hat. Wir stehen also etwa auf Niveau des Spielfeldes, haben brutalste Sichtbehinderung (auf die nicht einmal hingewiesen wurde) und werden in einem Stadion klatschnass, das angeblich nur überdachte Plätze besitzt. Zum Treppenwitz wird das Ganze, wenn man bedenkt, dass der zweite Gäste-Stehblock auf den ansteigenden Rängen dahinter, also mit Höhenunterschied zum Spielfeld, ohne sichtbehindernden Zaun im Blickfeld und durch das Dach deutlich besser geschützt, preislich keinen Cent teurer ist als dieser Block 8, der beim Bau der Tribüne ganz offensichtlich niemals als Zuschauerblock geplant war. Dass der BVB diese Plätze dennoch verkauft, ohne auf die Sichtbehinderung aufmerksam zu machen, und dann dafür auch noch den selben Preis verlangt, wie für die Tribünenstehplätze, dieses von Geldgeilheit geprägte Verhalten eines typischen G-14-Vereins ist dem zahlenden Zuschauer gegenüber in höchstem Maße unredlich und schlicht unverschämt!!! Ich habe fertig!!!

Zum Spiel gibt es wenig zu sagen. Wie beschrieben, können wir ja kaum etwas sehen. Im Endeffekt von dieser Partie wahrscheinlich sogar weniger als via Videowand von allen anderen Spielen dieses Nachmittags. Das ist aber wohl in diesem Fall auch besser so! Die Ereignisse auf dem Platz jedenfalls sind in jeder Hinsicht unerfreulich. Die Mannschaft wirkt nervös und gehemmt. Vergangen geglaubte Fehler im Aufbauspiel und unerklärliche Löcher in der doch eigentlich noch verstärkten Defensive erinnern fatal an so manche Hinrundenpartie. Das Führungstor der Dortmunder nach knapp einer halben ist eine logische Folge des Spielverlaufs. Und kurz darauf kommt´s knüppeldick. Der gerade erst verwarnte Bürger und Jan Koller liefern sich ein Laufduell. Plötzlich stürzt dieser Hüne von Koller und hält sich die Hände vor´s Gesicht. Von uns hat – wie beschrieben – keiner etwas gesehen. Nach dem Spiel hören wir vom Oberrang, dass Koller eine Andy-Möller-Gedächtnis-Schwalbe hingelegt haben soll. Zitat: „Der Bürger war ja mindestens zwei Meter von ihm weg!“ In jedem Fall Riesenärger in der Eintracht-Kurve. Die Wut konzentriert sich wahlweise auf Koller und auf Schiri Albrecht, der Bürger ohne zu zögern zum Duschen schickt ( ... und ich bleibe auch nach Ansicht der Fernsehbilder und der Erkenntnis, dass der Platzverweis schon in Ordnung geht, bei meiner generellen Meinung: Albrecht pfeift nicht absichtlich schlecht. Der Mann ist einfach einer der schwächsten Schiedsrichter, die in der Bundesliga pfeifen dürfen).

Jetzt hat Willi seinen großen Auftritt – von uns, wie beschrieben, nicht wirklich gesehen. Im Nachhinein muss man aber wirklich fragen, welcher Teufel unseren Willi da geritten hat. Klar, jeder von uns würde so manchem Schiedsrichter für seine arrogante Art gerne mal eine „vor den Latz knallen“. Aber einem Trainer darf so etwas nicht passieren. Jeder Bundesligist unterwirft sich mit dem Einreichen der Lizenzunterlagen den Spielregeln der DFL. Diese beinhalten die klare Maßgabe, dass die Unparteiischen in jedem Fall tabu sind. Reimann ist ein Angestellter der Eintracht und hat sich an diese Regeln zu halten. Ganz zu schweigen von der Vorbildfunktion, die er als Bundesliga-Trainer besitzt.
Was auch immer zwischen Willis Aufspringen von der Trainerbank und dem Zeitpunkt, als die Kamera auf das Geschehen „draufging“, passierte, ob also Herr Schriever – wie Reimann behauptet – ihn tatsächlich attackiert hat oder nicht, spielt nicht wirklich eine Rolle (zumal es dafür auch keinerlei bildliche Beweise gibt und das Verhalten der Offiziellen ja vom Verband und der DFL jederzeit gedeckt wird). Willi hat mit dieser Unbeherrschtheit sich und möglicherweise auch der Mannschaft einen riesen Bärendienst erwiesen. Denn abgesehen von der sicherlich zu erwartenden harten Bestrafung Reimanns: Welcher Schiedsrichter wird uns nach so einer Attacke gegen einen der Ihren in den nächsten Wochen – bewusst oder unbewusst – noch unvoreingenommen gegenübertreten?

Das Spiel läuft weiter nur in eine Richtung. Koller köpft spät noch ein Tor, und kurz danach kommt urplötzlich Leben in die zuvor rund 80 Minuten lang zumeist leblos wirkende Ost- und Westtribüne (Man hätte diese Ränge nicht wirklich vermisst, wenn sie überhaupt nicht existiert hätten!): Es steht 2:0 für das Heimteam, und die Zuschauer – auch die, die sich ein gelb-schwarzes Trikot angezogen haben und sich damit schon als „Fans“ fühlen – wandern zu Zehntausenden ab, als habe ihre Mannschaft soeben das Gegentor gefangen, das den Abstieg besiegelt. Ganz nach dem Motto: Das Spiel ist entschieden, also können wir auch gehen. Modefans sind so eine Sache: Sie allein treiben den Zuschauerschnitt in Dortmund auf weit über 70.000. Aber sorry, wenn über die Hälfte der Zuschauer gerade mal bei den beiden Heimtoren akustisch auffällt und dann auch noch vorzeitig das Stadion verlässt, ist das nicht nur für die an diesem Tag wirklich gut spielenden BVB-Profis ein Schlag ins Gesicht. Hier ist sogar Mitgefühl für all die echten Borussen-Fans angebracht, die leider in dieser peinlichen Masse untergehen!

Als Fazit des Spiels bleibt nur, uns bei den Dortmundern zu bedanken, dass sie sich am Ende mit einem 2:0-Sieg begnügen und uns nicht unser tolles Torverhältnis versauen. An der Leistung un serer Mannschaft liegt es jedenfalls nicht, dass sich der Schaden am Ende (vorerst noch?) in Grenzen hält.

Nach Schlusspfiff die obligatorische Frage: „Wo ist Bernhard?“ Nun, jedenfalls nicht am vereinbarten Treffpunkt. Als schließlich selbst die Rotkreuzler die Tribüne verlassen, machen auch wir uns auf in der Hoffnung, ihn am Bus anzutreffen. Unterwegs Tausende Dortmunder Kiddies und Teenies, die diesen angesichts des Spielverlaufs doch eher als ernüchternd knapp zu bezeichnenden Sieg ihres Teams feiern wie die Meisterschaft. Überraschenderweise finden wir Bernhard tatsächlich am Bus vor. Fragt vielleicht irgendjemand, ob wir noch einmal einen guten Schauer abbekommen haben, nur weil wir noch am Stadion auf ihn gewartet haben? Man muss ihn halt einfach gerne haben! Von ein paar BVB-Kiddies im Nachbarbus werden wir noch mit ein paar freundlichen Stinkefingern verabschiedet, was ihre Papis offenbar stolz wie Oskar macht. Deren wohlwollendes Lächeln ganz nach der Devise „Seht her, das ist mein Sohn“ spricht jedenfalls Bände.

Bevor jetzt irgendwelche Gerüchte aufkommen: Selbstverständlich dürfen die Dortmund-Sypathisanten auch wieder mit zurückfahren. Wir sind ja gute Verlierer. Aber zur Strafe müssen sie sich unterwegs noch einmal alle unsere Fangesänge noch einmal anhören. In Herborn steuert Herbert (ja, er hat uns auch diesmal wieder sicher gefahren!) das Fast-Food-Viertel an. Die Burger King-Fraktion setzt sich gegen die McDonald´s-Befürworter durch, was einen Hungerstreik von Topo zur Folge hat. Das ist dem Rest unseres Haufens aber so was von egal! Schmecken tut´s, und der Laden ist voll von singenden Eintracht-Fans, denen man wirklich nicht anmerkt, dass sie von einem ziemlich schwachen Auswärtsspiel mit einer Niederlage zurückkommen.

Zum Abschluss kann man unserem Thommy fast nur zustimmen: „Ein Scheißspiel – aber die geilste Auswärtsfahrt dieses Jahr!“ Wäre aber noch schöner gewesen, wenn wir auch ein wenig Fußball hätten sehen können!

PS: @ Jörg: Ich weiß, Du musstest im Bus auf dem Platz genau vor mir viel durchmachen. Sorry! Hoffe, Du hast kein Schleudertrauma davongetragen! Nächstes Mal darfst Du hinter mir sitzen! Aber dann werde ich einen Helm und Schulterpolster tragen! Und die werde ich Dir dann beim übernächsten Mal auch ausleihen! Versprochen! ;-)

Orschel Eagle

 

Orschel Eagle´s Tales from the Road

Nachspielzeit am Betzenberg oder Wiese ist ´ne Frau


Samstag, sieben Uhr. Der Wecker reißt mich aus den schönsten Träumen. Es war die 80. Minute am Betzenberg, und wir führten gerade 0:4. Verschlafen öffne ich den Rollladen – und bin sofort hellwach. Dieser Anblick hätte jedem Kokser leuchtende Augen bereitet: Schnee, so weit das Auge reicht! Hat der Betzenberg eigentlich Rasenheizung? Ich beschließe, dass das Spiel stattfinden wird, und beginnen den Tag so, wie ich es sicher nicht geplant hatte: Mit Schneeschippen. Dann schnell zur Arbeit. Kurzfristiger Auftrag vom Chef. Der Zivildienstleistende ist krank, also muss ich ran. „Aushilfszivi“ ist ein hartes Brot. Dabei liegt mein eigener Zivildienst schon einige Jahre zurück! Irgendwas muss ich falsch machen! Inzwischen ist es neun. Zeit für ein kurzes Frühstück. Zum Glück wohne ich so nahe am Bahnhof! Also schnell den Äppler gepackt (genau: den Rest vom Reutlingen-Spiel) und ab dafür.

Der Bus, wie bereits bei der Fahrt nach Schalke letztes Jahr wieder organisiert von den Taunus Adlern (nachträglich danke, Leute!) wartet bereits. Thommy, Jörg, Felix, Topo, Waldemar, Andy, Bernhard und unser Opa sind auch schon da. Also los! Unser Fahrer Herbert, derselbe wie im Herbst, hat sich für die Route über Mainz entschieden. Mainz, gegen wen spielen die eigentlich morgen? Was? Ahlen? Wieso muss ich plötzlich so breit grinsen? Egal, der Äppler fließt gut – trotz Ober-Taunus-Adler Ulis Warnung: „Denkt dran, dass das heute ein Risikospiel ist. Rund ums Stadion ist Alkoholverbot, und der Ordnungsdienst hat entsprechende Anweisungen!“ Doch zu dem Zeitpunkt drängt der erste Äppler schon wieder hinaus in die Freiheit. Pinkelpause in der rheinhessisch-pfälzischen Provinz. Letzte kurze Diskussionen zum Thema Möller. Wo wart ihr Taunus Adler eigentlich beim Orscheler Karnevalsumzug, zu dem ihr uns doch mit mehr Leuten als nur mit Manu verstärken wolltet? Weiter Richtung Kaiserslautern. Felix verteilt seine traditionelle Flaaschworscht (War sehr lecker, Felix, vielen Dank!). Die Autobahn endet weit vor dem Ort. Thommy wusste das! Denn Thommy hat Ahnung! „Kaiserslautern ist nur unwesentlich größer als Bad Homburg.“ Wer so viel weiß, muss einfach als zweiter Vorsitzender wiedergewählt werden! Meine Stimme hast Du, Thommy! ;-)

Ab dem Ortsschild wird die Fahrt zum Gefangenentransport. Eine Grün-weiße Eskorte (nein, Jörg, heute spielt nicht Werder Bremen!) geleitet uns zum Messeparkplatz. Wir sind die ersten Frankfurter vor Ort. Alles dem Uli nach! Der kennt ´ne Kneipe auf dem Weg rauf zum Betzenberg, in der sich vor Spielen die Gästefans treffen. Wenig später stehen wir auf dem „Gipfel“. Eine offene Kneipe haben wir nicht gesehen. Sollen wir vielleicht hier oben ...? Aber war da nicht was mit Alkoholverbot? Also wieder runter ins Tal, diesmal Richtung Hauptbahnhof. Erstaunlich, wie viele Leute einem abnehmen, dass das Spiel witterungsbedingt abgesagt wurde, bloß weil wir so früh wieder vom Stadion absteigen.

In Kaiserslautern gibt es jede Menge Pizzerien. Sie alle sind an einem stinknormalen Samstag Mittag überfüllt mit jungen Familien. Die Frage drängt sich auf: Gibt es in den Wohnhöhlen der Pfälzer keine Küchen oder hat die Teuro-Umstellung hier noch nicht stattgefunden? Die Suche nach einer Kneipe, in der auch Gästefans willkommen sind können wir ebenfalls bald aufgeben. Also zurück zum Bahnhof und einen Kiosk in Beschlag nehmen. Der Besitzer macht noch mal ein gutes Geschäft. „Ich muss zumachen, sobald die Züge mit den Eintracht-Fans eintreffen.“ Die rheinland-pfälzische Staatsmacht hat ein scharfes Auge darauf und überhaupt ihre Augen und Kameras überall. Letzteres hätte auch gern der SWR. Aber irgendwie ist denen der Eintracht-Anhang doch nicht geheuer. Schnell ein paar Einstellungen von singenden Eintrachtfans und dann nichts wie weg, bevor die große Masse von denen ankommt.

Inzwischen geht es auf zwei Uhr zu. Es folgt der zweite Aufstieg des Tages. Oben entscheiden wir uns relativ schnell, gleich ins Stadion zu gehen. Zwei gründliche Kontrollen – mit lockeren Sprüchen und überraschend unverkrampft –, dann suchen wir uns die besten Plätze in Block 1. So früh sind wir noch selten im Stadion gewesen! Was haben sich bloß die Macher des Stadion-Magazins dabei gedacht, ausgerechnet gegen die Eintracht Mr. Stinkefinger himself, Tim Wiese, auf das Poster in der Heftmitte zu setzen? Topo greift konsequent durch: Rigoros wird das Poster herausgerissen und mit gezieltem Handkantenschlag in zwei Teile zerlegt, um nach dem Spiel als Zielobjekt für die notwendige Äppler-Entsorgung dienen zu dürfen.

Allmählich füllt sich das Stadion. Bis auf die Südtribüne hinüber sind die Blöcke fest in Frankfurter Hand. Die Ehrung zum 80. Geburtstag von Ottmar Walter bleibt von Eintracht-Seite ungestört. Nicht wenige applaudieren dem Helden von Bern sogar. Schade, dass die Choreo der Westtribüne zu Ehren des Jubilars so grandios vergeigt wurde. Dass nicht alle mitmachen wollten ist peinlich genug. Aber dass ausgerechnet Walters Konterfei nicht komplett entfaltet wurde, darüber kann man wirklich nur noch den Kopf schütteln. Dafür klappte die zweite Choreo unmittelbar vor dem Anpfiff besser. Die Lauterer haben sich eine Antwort auf unsere fantastische Hinspiel-Choreografie mit dem das FCK-Wappen zerreißenden Adler einfallen lassen. Und auch wenn mich jetzt so mancher Eintracht-Fan am liebsten lynchen würde: Ich finde diese Antwort absolut gelungen (auch wenn ich unseren Adler nur äußerst ungern in den Pranken des roten teufels gesehen habe)! Damit haben die Lauterer unsere haushohe Hinspielführung ausgeglichen. Diese Choreo-Duell ist also für diese Saison unentschieden ausgegangen. Doch damit haben die Pfälzer für heute ihr Pulver schon verschossen! Ab jetzt übernehmen wir das akustische Kommando in der sogenannten „Hölle Betzenberg“.

Tim Wiese darf gleich in der ersten Halbzeit vor unserer Tribüne auftauchen. Dieser selbstverliebte Schönling legt sehr viel Wert auf sein Äußeres und verbringt seine Freizeit zumeist vor dem Spiegel. Aus den Eintracht-Blöcken wird er deshalb gleich einer verbalen Geschlechtsumwandlung unterzogen. Kaum ist der Ball in seiner Nähe, singt die gesamte Osttribüne den Refrain des Tages: „Wiese ist ´ne Frau, Wiese ist ´ne Frau, Wiese, Wiese, Wiese ist ´ne Frau!“ Erstaunlicherweise bleibt sein Stinkefinger diesmal unten. Auf dem Platz passiert nicht wirklich viel, so dass zur Halbzeit festzuhalten ist: 0:0 und trotz fehlender Fangnetze keinerlei Wurfgeschosse aus den Frankfurter Blöcken gegen Wiese. Bekommen die Eintracht dafür jetzt Geld zurück?

In Halbzeit zwei nimmt die Eintracht auf dem Rasen das Heft in die Hand. Wir erspielen uns einige gute Möglichkeiten, die aber allesamt von Frau Wiese in Klassemanier zunichte gemacht werden. Treffsicherer sind da die FCK-Fans auf der Westtribüne. Bei jedem Eckball hagelt es massenhaft Wurfgeschosse auf die Eintracht-Spieler. Komisch, dass das den Schiri überhaupt nicht zu interessieren scheint! Je länger das Spiel dauert, um so ungeduldiger wird das Pfälzer Publikum, und um so nervöser werden die heimischen Spieler. Wir haben die ganze Sache ganz fest im Griff. In der 81. Minute wechselt Reimann den kopfballstarken Nascimento für Kreuz ein, um die Defensive für die letzten neun Minuten nochmal zu stärken. Viel länger kann es eigentlich nicht mehr dauern! Cha war einmal kurz verletzt, ausgewechselt wurde kaum, Tore sind auch keine gefallen, Schiri Wack hat also keinen Grund großartig nachspielen zu lassen. Doch die Spielentwicklung ist gar nicht in unserem Sinne! Wir ziehen uns zu weit zurück, wollen nur das 0:0 über die Zeit retten. Wenn das mal gut geht. Plötzlich haben die Lauterer Chancen. Zweimal geht der Ball denkbar knapp an Nikolovs Tor vorbei. Doch die Eintracht kann sich wieder etwas befreien.

Die 90. Minute bricht an. Zwei Minuten vielleich noch, länger auf keinen Fall. Eben hält der vierte Offizielle die Tafel hoch – und im gleichen Moment fallen tausende Frankfurter Kinnladen herunter. Drei Minuten Nachspielzeit??? Wofür um Himmels Willen das denn??? Auch die Eintracht-Spieler sind der Meinung, dass 91 Minuten genug sind – und hören in eben dieser Minute auf mitzuspielen. Bürger setzt eine Kopfballabwehr unmotiviert in die Mitte statt sicher ins Seitenaus, der Ball kommt mittels Brechstange postwendend zurück, Nascimento verliert ein Kopfballduell gegen den künftigen Fischkopp Klose, und plötzlich steht Malz mutterseelenalleine vor Oka. Der Rest ist kollektives Entsetzen. Wir haben in der obligatorischen Lauterer Nachspielzeit das obligatorische spielentscheidende Gegentor gefangen. Und das schlimmste daran: Es fiel ohne Not! Der FCK hat zuletzt nicht einmal Druck gemacht!

Auf der Westtribüne feiern sie den Sieg, als wäre der Klassenerhalt damit schon besiegelt. „Wir bleiben drin und ihr steigt ab“, singen die, die drei Minuten zuvor noch drauf und dran waren, die eigenen Mannen in Grund und Boden zu pfeifen. Wenigstens erlöst uns Wiese noch von der Sorge, nicht er, sondern ein Doppelgänger habe bei den Kartoffelbauern im Tor gestanden. Noch bevor er sich von den eigenen Fans für seine erneut starke Leistung feiern lässt, läuft er höhnisch klatschend über den gesamten Platz bis zur Gästetribüne, wo wir gerade unseren Spielern für die wiederum ordentliche Leistung applaudierten. [Kleine Randbemerkung: Wiese stand auch im Tor der deutschen U 21 bei jenem ominösen Spiel in der Türkei. Wer Wieses Verhalten in vileen Spielen dieser Saison gesehen hat, der weiß, wo die Ursache für die Ausschreitungen damals zu suchen sind!] Ich möchte Willi Reimans Aussage aus der Vorwoche zitieren: „... ein ganz dummer Mensch!“

Der Abstieg vom Betzenberg verläuft in einer ganz seltsamen Atmosphäre. Die Lauterer Anhänger vermeiden es tunlichst, den mehr als glücklichen Sieg laut zu bejubeln, so dass der Marsch einem Leichenzug durchaus nicht unähnlich ist. Wieder am Bus (jawoll, auch Bernhard ist diesmal pünktlich wieder aufgetaucht – Kunststück: Er hatte ja unseren Opa dabei! ;-) ) gab es den ersten Frust-Schoppen. So langsam kehrte auch der Galgenhumor zurück. Dennoch geht der Satz „Mit Möller hätten wir gewonnen“, obwohl satirisch gemeint, dann aber doch zu weit. Einstimmig (ich lasse dich jetzt mal außen vor, Waldemar. ;-) Nix für ungut!) wird ein Frustessen bei Burger King beschlossen. (Topo, ich glaube die Kleine hinter der Theke hat in der folgenden Nacht Alpträume gehabt, in denen du eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben dürftest. Das war der herrlichste Bestell-Dialog, den ich je erlebt hab. Das hatte schon was von Heinz Becker!)

Inzwischen senkt sich die Nacht über Kaiserslautern, die Bürgersteige werden hochgeklappt, und wir machen uns endgültig auf den Weg zurück in die Zivilisation. Manus leckerer Frucht-Wodka-Mix erleichtert das Einschlafen ungemein. Und während unser Bus gerade wieder Mainz passiert, setzt sich mein Traum von heute früh fort: Nachspielzeit am Betzenberg, und Amanatidis schiebt gerade den Ball zum 0:5-Endstand ins Netz.

Orschel Eagle

 


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